Michael Fürch | Drucken27.04.2019 

Apparat und der musikalische Ernstfall

Sascha Ring aka Apparat gastierte nach vier Jahren Leipzig-Abstinenz im Täubchenthal – und lieferte leicht lustlos ab

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Apparat im Täubchental (Foto: Michael Fürch)

Der Start läuft nicht rund. Ein Laptop zickt und bringt dadurch das gesamte Set in Gefahr. Ratlose Blickwechsel zwischen den fünf Musikern auf der Bühne, leichte Unruhe unter den Gästen im nahezu ausverkauften Täubchenthal in Plagwitz. Nach ein paar Minuten Entwarnung, die Technik kommt wieder in Gang. Es kann weitergehen. Von der dunklen Bühne dröhnen nun ebensolche Töne: wummernde Subbässe, arythmisches Prasseln, dann Bläser und Streicher – keine Samples aus dem MacBook, sondern echte Instrumente. Die ersten Takte des Stücks mit dem kryptischen Namen »VOI_DO« sind zu hören, es ist ein Moment, der an die späten Talk Talk (Spirit Of Eden/Laughing Stock) erinnert. Keine leicht konsumierbare Kost also sondern eher Kopf- statt Tanzmusik.

Nach fünfjähriger Kollaboration als Moderat – mit Gernot Bronsert und Sebastian Szary (aka Modeselektor), und mehrfach auf Welt-Tournee – hat sich Sascha Ring Zeit genommen für eine neue Solo-Platte. Im März veröffentlichte er sein fünftes Apparat-Album – treffenderweise schlicht als »LP5« bezeichnet (erschien auf Mute Records). Damit geht er nun auf ausgedehnte Europa-Tournee. Die neuen Songs haben wenig gemein mit der ravigen Abgeh-Musik, die man von Moderat, bzw. der IDM und Clicks-and-Cuts früherer Apparat-Songs kennt. Allesamt sind es komplexe, fast schon kammermusikalische Kompositionen, die den Klang bis ins Letzte ausloten. Dies geschieht oftmals minimalistisch, zertrümmert dabei genüsslich gewohnte Songstrukturen und sprengt definierte Genregrenzen. Sascha Ring hat den erst kürzlich verstorbenen Mark Hollis offenbar gründlich studiert. So zerschellen Ambientwände am Ende unter Break-Beats, flankiert von Field-Recordings und realen Akustikinstrumenten. Fast immer unterfüttert von Rings Falsett-Gesang, der oft und nicht zu unrecht mit dem von Thom Yorke verglichen wird. Die Stücke auf LP5 sind eine konsequente Weiterentwicklung der bereits in der Theater-Score-Produktion »Krieg und Frieden« (2012) angelegten Stilistiken – es geht zunehmend um Tiefe, statt allein um ohren- bzw. beinschmeichelnde Catchyness.

Auch so etwas zeigt er natürlich im Verlauf der insgesamt und exakt neunzig Konzertminuten. Bei den Tracks »Ash/Black Wall«, »Black Water« oder »Circles« geht umgehend ein Ruck durchs Publikum, Köpfe wippen, Beine zucken – da ist es wieder, dieses unvergleichliche Sascha-Ring-Feeling. Die Freude währt allerdings nur kurz, da im Anschluss zumeist neue Stücke rein grätschen, die einen Odeur des Mittelalter-Pop von Dead Can Dance (»Brandenburg«) oder eines abgedrehten Sci-Fi-Soundtracks versprühen (»EQ_BREAK«). Die Zuhörer haben erkennbar Probleme, sich auf dieses emotionale Wechselbad der Stimmungen einzulassen, und grundsätzlich bietet der Gig kaum Halt durch dramaturgische Struktur. Er erinnert an eine wilde Achterbahnfahrt, die an allen Attraktionen vorbei will. Oder muss. In dieses Bild passen auch jene Sequenzen, die eher Jam-Sessions einer versierten Jazz-Rock-Combo sein könnten. Irgendwie schließt hier sich der Kreis zum holprigen Beginn des Konzerts. Die Aufmerksamkeit publikumsseitig schwindet zunehmend, es wird Bier geholt oder lautstark mit dem Nachbarn gequatscht. Vielleicht warten alle einfach nur auf den nächsten Apparat-Kick zum Grooven. Prost.

Hinzu kommt, dass der Sound im Täubchenthal dumpf und flach ist. Die filigranen Songs ertrinken regelrecht im Ohren-Moor. Sascha Ring selbst wirkt an dem Abend überkonzentriert, angestrengt bzw. uninspiriert. Es gibt kaum Austausch und Kontakt mit dem Publikum, wie es sonst bei ihm üblich ist. Musik als Ernstfall?

Die Band spielt ihr Set runter. Verbeugung. Kurzes Winken. Eine Zugabe – »Black Water« (vom 2011er »The Devil’s Walk«), mehr geht heute nicht. Dann geht das Saallicht an. Wer 2015 das Glück hatte, Apparat mit »Krieg und Frieden« unter freiem Himmel auf der Parkbühne Geyserhaus zu erleben, reibt sich nach diesem Konzert etwas irritiert und leicht enttäuscht die Augen.

Apparat

23. April 2019, Täubchenthal

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