Lea Matika | Drucken08.10.2019 

Songs of Love and Rape

Amanda Palmer zeigt sich bei ihrem Konzert im Haus Auensee extrem düster und dabei unglaublich erleuchtend

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Ein Licht in einem Meer aus Dunkelheit: Amanda Palmer im Haus Ausensee (Foto: Florian Nägel)

Kabarettpunkidol Amanda Palmer spielt ein preisintensives Sitzkonzert im gediegenen Haus Auensee? Das wäre das absolute Gegenstück zu ihren exaltierten Ukulelen-Spontangig-Mengenbädern, bei denen sich Palmer zuweilen entkleidet und ihren Körper von der Menge mit Eddings bekritzeln lässt. Doch das Konzert ist weit entfernt von einer amtlich-konventionellen Bühnenshow. Die Gefahr, dass sich das Publikum zurücklehnen und es sich in passiver Konsumentenrolle bequem machen könnte, besteht während des gesamten Abends keine Sekunde lang.

Amanda Palmer durchschreitet gleich anfangs die Sitzreihen, nur mit unverstärkter Ukulele um den Hals deklarierend: „Fuck yes. I am exactly the person that I want to be.“ Der erste Song endet in einem lang anhaltenden Ton, kein Urschrei sondern Appell ans Mitfühlen, und man ahnt schon, der Abend wird warm und düster und tief wie dieser Klang.

Sie berichtet von ihrem Engagement bei den aktuellen Klimastreiks, reflektiert über Kunst und Politik, thematisiert ihre Selbstzweifel und den Krebstod ihres besten Freundes, um dann Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper unter Zuhilfenahme ihrer Ellenbogen ins Klavier zu hämmern.

Cheaper than therapy

In ihrem schicken, dunklen Anzug erinnert Amanda Palmer an eine weitere große Künstlerin radikaler Ehrlichkeit: Patti Smith. Es gab diesen Moment während der Nobelpreiszeremonie 2016, als Smith beim Bob Dylan-Song „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ den Text vergisst und sich mit den Worten „I apologize, I'm so nervous“ an das Publikum wendet. Ein Moment, der die Zuhörer zum wachen, anteilnehmenden Teil der Performance werden ließ. Und es sind genau diese Momente, die bei Palmer ständig entstehen.

Sie erzählt von einem Ex-Freund, der sie als Jugendliche im Keller nackt an einen Tisch fesselte. Er ging anschließend wieder nach oben, um einen Freund zu holen, der Geburtstag hatte und für den sie ein „Geschenk“ zur freien Verfügung sein sollte. Von empörten Reaktionen einiger Feministinnen auf ihren Song „Oasis“, in dem sie im Upbeat-Tempo und mit Uhuhuh-Chorgesang eine Vergewaltigung mit anschließender Abtreibung besingt. Palmer wurde vorgeworfen, sie würde diese furchtbaren Dinge herunterspielen.

Auf der Bühne führt sie vor, wie das Stück in Moll und mit reduziertem Tempo wohl nicht für eine Kontroverse gesorgt hätte. Aber nein, der Beach Boys-Chor bleibt und die Tanzbarkeit auch. So bricht Amanda Palmer eine Lanze für die Komplexität von Erfahrung, für die Freiheit der Kunst und die Schönheit der Uneindeutigkeit.

Making light of the dark is my job!

Ihr Witz ist dabei ihre potenteste Waffe, denn wie sie sagt, „when you can no longer joke about the darkness in life, that’s when the darkness takes over“.

Im Song „A Mother's Confession“ erzählt Amanda Palmer von ihrem Baby Ash, das vom Wickeltisch fällt oder von ihr im Auto vergessen wurde. Beim Chorus steht der ganze Saal und singt unisono „at least the baby didn't die“ und es gibt gutturale Lacher und feuchte Augen gleichzeitig.

Auf dem Nachhauseweg stelle ich fest, dass ich mich nach einem Abend voller Vergewaltigungs- und Sterbegeschichten noch nie so ermutigt gefühlt habe. Denn Amanda macht es vor: Mit radikaler Offenheit und ebenso radikalem Mitgefühl und lässt sich auch aus der dunkelsten Stunde große Kunst und ein solidarisches Lachen herausbefördern.

Amanda Palmer

There Will Be No Intermission

A Night Of Piano, Pain And Laughter

Haus Auensee, 25. September 2019

Weitere Tourdaten auf amandapalmer.net

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