Holger Leisering | Drucken29.11.2019 

Crazy Papa und Sohn praktizieren Philosophie

„Tja, Papa“ von William Saroyan ist in einer Neuübersetzung erschienen

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William Saroyan wuchs als Sohn armenischer Einwanderer aus der Türkei in den USA auf. Er arbeitete erfolgreich als Drehbuchautor und für das Theater, publizierte unter anderem den Roman Die menschliche Komödie und viele Kurzgeschichten. Sein kürzlich auf Deutsch erschienenes Tja, Papa ist von herzerfrischender Fröhlichkeit. Der 45-jährige Papa und der 8-jährige Sohn sind in einem Dialog, der von den grundsätzlichen Fragen des Alltags, wie etwa Geld für Essen, mühelos zur Philosophie wechselt. So putzig die Fragen des kleinen Jungen an den in seiner Alltagstauglichkeit von der Norm abweichenden Vater auch wirken mögen, so wenig wird eine Idylle gezeigt. Im 1957 veröffentlichten Roman wird angegeben, dass einer der Gründe für die Entfremdung der Eltern aus den Stunden dauernden Telefonaten der Mutter resultiert. Der Sohn Pete darf bei seinem Vater bleiben, soll aber offen sagen, wenn er zurück nach Hause will. Der Junge ahnt, dass letztlich seine Mutter entscheidet. Sie könnte plötzlich anrufen und verlangen, dass der Sohn nach Hause gebracht wird. Aber das Umgangsrecht wird im gegenseitigen Einvernehmen geregelt, die Eltern vertragen sich trotz Trennung.

Der Vater schenkt seinem Sohn ein leeres Heft und regt an, er solle einen Roman schreiben. Er selbst wolle sich nach einer Reihe literarischer Unternehmen, darunter dem Roman Der Unterkiefer, an einem Kochbuch versuchen. Für sich und sein Kind improvisiert er eine Pfanne Schriftsteller-Reis. Nach Art des allseits bekannten Reste-Essens kombiniert er Reis mit allem, was sich an Essbarem finden lässt. Der Junge fragt nach Steak, Kuchen und stellt letztendlich die Gretchenfrage: Wie sieht es mit Geld aus? Die Antwort lautet: Kein Geld! Aber morgen würde es rote Bohnen zum Mittagessen geben. In seiner berufsorientierten und optimistischen Lebenshaltung formuliert der Vater: „Du und ich, wir sind Schriftsteller. […] Für uns ist alles besser und mehr als für jeden anderen.“

Der Titel der englischen Originalausgabe dieses Romans lautet übersetzt „Papa, du bist verrückt“. Es ist diese Verrücktheit, die bedingungslose Hingabe an Improvisation und Fantasie, die dieses Duo und damit auch die Handlung des Buches trägt. Die beiden haben Fahrräder, auch wenn die Mutter Vaters Rad schon auf den Haufen Gerümpel für die Heilsarmee gestellt hatte. Der Kleine schreibt zwar keinen Roman, lernt aber mit Wörtern zu spielen und will später einmal Kosmonaut werden.

Gibt es so etwas wie das Glück, einfach nur da zu sein, während Millionen Menschen verbiestert auf ihren Alltag schauen? Vielleicht ist das Meeresrauschen nicht zufällig die Hintergrundmusik dieser Dialoge, die sich lesen wie der Prototyp eines Gespräches zwischen Vater und Sohn. Wie jedes Kind findet Pete, dass Gewinnen ist gut ist, dass Gewinnen das Tollste im Leben ist. Wer schon mal mit Kindern Karten gespielt hat, wird das kennen. Verlieren hingegen kann in ungeahnter Proportion Tränen, Wut und Trauer auslösen. Im Buch wird daraus eine Maxime für das Leben: „Zu verlieren ist das Einzige, was ein Mensch möglichst rasch lernen muss.“

Mit einem roten Ford, den ihnen die Werkstatt unten an der Straße ohne Anzahlung und auf Kredit hinterlässt, sind sie auf der Alternate 101 unterwegs, bei 70 Meilen klappert das Auto wie verrückt. Neun Dollar im Monat müssen abbezahlt werden. Für die Fahrt hat der Papa einen Karton gepackt, aus dem sie sich mit Lebensmitteln versorgen können. In einer Kaffeedose voll Kleingeld, die sich füllte, als der Vater schweren Herzens alle Notgroschen aus den Verstecken geholt hatte, befindet sich die Reisekasse, stolze 18 Dollar. Immerhin reicht solche Finanzierung nicht nur für die 400 Meilen nach Half Moon Bay, der alte Ford schnauft sogar noch durch bis San Francisco. Der Schriftsteller-Papa lebte früher hier. Pete gefällt die Stadt und er fragt, warum er jetzt nicht mehr hier leben will. Die Antwort ist so einfach wie rigoros: „… für einen Schriftsteller hat es keinen Sinn, in einer Stadt zu leben, in die er nicht mehr verliebt ist.“

Manche dieser Gesprächsfrüchte mögen herausgelöst wie Binsenweisheit klingen, bleiben aber im Kontext des Romans, der gemeinsam verbrachten Zeit von Vater und Sohn, als Route eines schwindelerregenden Erkenntnisprozesses lesbar. Die herzliche Originalität, die Einfachheit der oft philosophischen Antworten, die sogar in der wichtigen Frage helfen, wie man hohe Feiertage in Trennungsfamilien gut miteinander erleben kann, würden allein empfehlen, dieses Buch zu erwerben.

William Saroyan: Tja, Papa

Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl, mit Illustrationen von Katharina Netolitzky

DTV

Berlin 2019

192 Seiten, 18 Euro


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