Marcus Wendt | Drucken24.01.2017 

Hang the DJ

Die Figuren in Thomas Meineckes „Selbst“ erleben Stillstand

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Thomas Meinecke weiß die beiden auffälligsten Gewöhnlichkeiten des 21. Jahrhunderts, nämlich Autor oder DJ zu sein, perfekt zu mischen, also zu mixen. Sein neuer Roman Selbst nötigt das Feuilleton, von „Sampling“, „Textmaschine“ und „postmodern“ zu reden, als ob damit genug über Meineckes Literaturverständnis gesagt ist. Natürlich verschwendet Meinecke keineswegs Zeit darauf, journalistische Frechheiten wie „Diskurs-Disko“ und „Textjockey“ richtig zu stellen. Im Gegenteil, seit seiner Poetikvorlesung in Frankfurt im Wintersemester 2011/12 (in Buchform bei Suhrkamp erschienen), in der Meinecke Bikini Kill und dergleichen zur Einführung abspielte, um danach Rezensionen, Interviews und eigene Texte zu rezitieren, sollte klar sein, dass er einfach gerne DJ ist; mit und ohne Musik. Dabei nimmt sich der Autor genauso ernst wie seine Figuren.

Die Mitbewohnerinnen Venus, Genoveva und Eva tauschen sich innerhalb irgendeiner losen Geschichte über verschiedene Identitäten aus, kreieren neue und verlieren sich in einigen. Der Eklektizismus, mit dem Meinecke Venus’ Forschung über eine deutsche Siedlung der Vormärz-Bewegung in Texas mit den Überlegungen Genovevas über weibliche Selbstbefriedigung sowie Evas Chatverläufen und Modekontemplationen arrangiert, ist der eigentliche Aufhänger des Buches. Verschiedenste Zitate über feministische Theorie, literarisches Begehren, historische Anmerkungen oder schlicht Youtube-Hits verleihen den Problemen der Frauen-WG, als ewige catch phrase, ihre einzige Daseinsberechtigung. Mal ist es interessant, die Figuren über die Kommentare unter einem Video sprechen zu hören, mal wirken die Informationen über die Arbeit von Venus oder Genoveva wie ein uninspirierter Wikipedia-Artikel. Die meisten Zitate lesen sich leider eher wie random facts, weniger wie wichtige Anhaltspunkte einer Sinnsuche zu Identität und Genderdiskurs. Seitenlang chatten Eva und Henri akademisch oder romantisch über den Philosophen Jean-Luc Nancy, die DJ Nina Kravitz oder die Pornodarstellerin Stoya, zitieren Anaïs Nin; kommen sie aber selbst zu Wort, wird es schnell kitschig. Das Liebespaar beginnt einen Chatverlauf mit „liebste Prinzessin“ und „lieber König“ und endet mit einem digitalen Kuss auf den „Venushügel (weil das so ein schönes Wort ist)“. Die Figuren im Text wirken wie schlicht aufgebaute chat bots, denen nicht gewährt wird, wirklich Sex zu haben oder Leidenschaft zu besitzen. (Sie dürfen nur darüber sprechen, ohne zu wissen, was es eigentlich ist, worüber sie so viel diskutieren.) Die einzig relevante Liebe in diesem Roman geschieht in Zitaten. Und das klingt sogar dann hölzern, wenn Anaïs Nins wunderbar erotische Beschreibungen zum Besten gegeben werden.

Der digitale Realismus, dem sich Meinecke verschreibt, wenn er nur wiedergibt, was im Popgeschehen passiert, und nur vom Sex redet, den er auch erfährt – sprich heterosexuellen –, läuft auf einen seltsamen Stillstand hinaus. Niemand bewegt oder entwickelt sich im Roman, es lässt sich ebenso kein Problem ausmachen, an dem die Charaktere wachsen könnten. Denn wenn Meinecke nur vom eigenen Erlebnishorizont schreibt, beschreibt er auch kein Leiden, immerhin ist er als Autor weiß, männlich und gut situiert. Was gut gemeint ist, endet darin, dass die Figuren verloren zwischen ihren Zitaten changieren und keiner so richtig zum Sound tanzen möchte, den der Autor da auflegt. Nichtsdestotrotz sehen wir in Selbst auch den großen Hohlspiegel, der Pop nun mal ist, und der unsere ganze Wahrnehmung konzentriert. Im größten Gewimmel der Zitate kommt auch eine ungeahnte Ruhe zustande, eine schöne Harmonie, die Thomas zum Ende des Romans selbst erfährt. Die sich aber auch genauso plötzlich, wie sie da war, „erneut in die übliche Kakophonie auflöst.“ Die Leserin müsste mit dem letzten Absatz des Romans anfangen, um von der ersten Seite an einen eigentümlich angenehmen Ton wahrzunehmen im Missklang von Theoriegemurmel und Popgetöse. Ansonsten lässt sich nur sagen, dass die Leserin sich nach diesem Buch nicht schlecht dabei fühlen sollte, Panic von den Smiths zu hören.

Thomas Meinecke: Selbst

Suhrkamp Verlag

Berlin 2016

472 Seiten, 25,00 Euro


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