Kathrin Rahmann | Drucken22.05.2018 

Überfall der Literatur auf ein Schriftstellerleben

In Gerhard Falkners Roman „Romeo oder Julia“ muss ein Autor sein eigenes Leben als Drama dekodieren

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Kurt Prinzhorn („obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller“) spielt sein eigenes Leben in der Rolle eines Schriftstellers, eines Künstlers. Wir treffen ihn in einer Phase der Entsagung an; vielleicht sollte man auch sagen in einer Phase der basalen Erfahrung: knietief im Lehm stehend, duschend, einen Joint rauchend. Karl May lesend, obwohl er Aristoteles’ Politik zu lesen gedachte. Diesem angeekelten Schriftsteller ist es nun aufgebürdet, zu einem Schriftstellerkongress nach Innsbruck zu fahren, eine Zumutung – wie überhaupt der ganze Kulturbetrieb eine Zumutung ist. Dort eingetroffen ist er primär damit beschäftigt, seine Chancen bei den anwesenden Kulturdamen auszuloten. Seine Rolle als Schriftsteller weiß er kunstvoll einzusetzen. Bedrohung tritt in Prinzhorns Leben, als er in der Badewanne seines Hotelzimmers jede Menge langer, schwarzer Haare findet. Anschließend verschwinden Gegenstände. Er erhält ominöse Botschaften. Kurt Prinzhorn hat eine Stalkerin. Er findet sich persönlich in einem kleinen Drama wieder. Die eigentliche Tragödie hat sich an den Fransen seines Lebens längst abgespielt. „Steht das Ende des allerletzten Satzes aber noch aus, so zieht das echte Leben ungerührt und fern der eigenen Teilnahme seine Bahnen“, resümiert Prinzhorn sein Schriftstellerdasein. Dieses Verhältnis verkehrt sich mit den Ereignissen, die in Innsbruck ihren Lauf nehmen. Prinzhorns Leben wird zu einem wohlkonstruierten Drama, alles greift in einer Weise ineinander, wie es sonst nur in der Literatur möglich ist. Bevor er den ersten Satz dieses Romans niederschreiben kann, wird sein Leben Literatur.

Gerhard Falkner betreibt ein kunstvolles Spiel mit Fiktion und Realität, mit Konstruktion und Zufall. Die Geschichte, in der sich das Leben eines Schriftstellers, der Plots entwirft, in einen literarischen Plot verwandelt, präsentiert sich dem Leser als Roman in Ich-Form mit zahlreichen Anspielungen auf literarische Großmeister. So altmodisch und sperrig Kurt Prinzhorns Sprache sich stellenweise gibt, so verspielt ist sie in ihren Brechungen und Ebenen. Falkner hält Lacher bereit, wo man keine vermutet hätte. Eine ganz feine Ironie durchzieht den Roman.

Wie fast immer erweist sich das Prinzip der Metafiktion – mittlerweile ein alter Hut – als stimulierend und nervtötend zugleich. Und Ironie, so subtil sie auch sein mag, läuft sich über 270 Seiten, wenn schon nicht tot, so doch wenigstens wunde Füße.

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia

Berlin Verlag, München 2017

272 Seiten, 22 Euro


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