Fabian Stiepert | Drucken16.04.2015 

Wozu Literatur?

Pierre Michon verneigt sich in „Körper des Königs“ vor Größen wie Flaubert oder Faulkner. Ein kleines, seltsames Buch

In edler, etwas überdimensionierter Aufmachung fällt es einem vom Verlagshaus Suhrkamp in die Hände, dieses in Sachen Textmenge wiederum kleine Vademecum von Pierre Michon, einem der heiß gehandelten Geheimtipps der französischen Literatur. Man schlägt das Bändchen auf und nach ein paar Seiten Leerlauf sieht man ein Porträt von Samuel Beckett. Beckett raucht und schaut mit leicht fragendem Blick in die Kamera. Danach drei Seiten Text von Michon, der erklären soll, was wir in diesem Porträt, das Lütfi Özkök einst geschossen hat, entdecken können. So bietet uns laut Michon dieses Beckett- Porträt sowohl die Person Becketts als auch sein literarisches Werk, alles eingefangen in diesem Foto. Wenn der Autor das meint, dann ist das wohl so und wir nehmen es so hin.

Nach gerade mal drei Seiten gleich die nächste Ikone. Michon versucht uns, den Arbeitsalltag von Gustave Flaubert näher zu bringen. Wie ist bloß das zeitlose Meisterwerk Madame Bovary entstanden? Und ist Flaubert wirklich so enigmatisch wie er sich selbst gerne immer gesehen und präsentiert hat? Mitnichten, dachte sich Michon, sonst könnte er ja diesen kurzen Text über den ewigen Hausgott der französischen Literatur kaum schreiben. Aber trotz allem Jux dabei gilt: „Der Ernst, mit dem wir die Literatur betrachten, ist herzergreifend.“

Wie aus den beiden ersten Absätzen eventuell hervorgehrt, ist Körper des Königs ein in all seiner Kürze schwer zu durchdringendes Buch. Der Kern des Buches offenbart sich im letzten und längsten Text des Bandes. Der Himmel ist ein sehr großer Mann erzählt vom Tod von Michons Mutter, aber auch von der Geburt von Michons Tochter. In den letzten Stunden, die seiner Mutter noch blieben, rezitierte Michon Francois Villons Gedicht Ballade der Gehenkten. Seine neugeborene Tochter begrüßte er mit Victor Hugos Der Schlaf des Boas. Das hehre Ziel von Poesie und Literatur ist also Ablenkung, Trost und Beruhigung. Das ist keine an sich neue Einsicht, aber es ist schön zu sehen, dass Pierre Michon seine Leser daran erinnert. Was Körper des Königs darüber hinaus mitteilen möchte, bleibt trotz der lobenswerten Übersetzung von Anne Weber zu sehr im Verborgenen, als dass es wirklich mitreißend sein könnte.

Pierre Michon: Körper des Königs

übersetzt aus dem Französischen von Anne Weber

Suhrkamp Verlag

Berlin 2015

17,95 €, 100 S.


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