Holger Leisering | Drucken30.04.2018 

Vintage nach dem Pogrom

Mit „Oxenberg & Bernstein“ ist Cătălin Mihuleac ein großer Roman über die Schoah gelungen

Manche Schriftsteller haben – wie wir wissen – keinen dicken Bauch. Cătălin Mihuleac wurde unter anderem deshalb von Suzy Bernstein ausgewählt. Auch von solchen Zufällen lebt Literatur. Wäre er adipös gewesen, hätten wir dieses großartige Buch vielleicht nie zu lesen bekommen.

Auf Weisung ihres Chefs zeigt die dreiunddreißigjährige Suzy aus dem rumänischen Iaşi amerikanischen Geschäftsleuten ihre Stadt. Wenige Szenen später wird sie Bens Ehefrau und Doras Schwiegertochter sein. Was hier scheinbar trivial beginnt, wird zu einem großen Roman über die Schoah. Wir werden entführt in das gesellschaftliche Leben, besichtigen das schicke Rumänien und die gehobenen Schichten.

Für die feinen Damen der Gesellschaft kommt gerade der Kaiserschnitt in Mode, den einst der Gott Apollon höchst selbst praktizierte, davon erzählt der Gynäkologe Dr. Jaques Oxenberg seinen Patientinnen und spielt während der Operation Walzer von Schellackplatten. Was mit bürgerlich-dekadentem Charme begann, wird zum vor allem von Rumänen begangenen Pogrom an den Juden der Stadt. Tincuţa – das Dienstmädchen im Haushalt des Arztes – wird bald inmitten des berauschten Pöbels sein, wenn es heißt: jüdische Fahrgäste aus der Straßenbahn werfen. Konsequent in marxistischer Doktrin gedacht, wäre der Hass auf ihre jüdische Arbeitgeberin Klassenkampf. Ihr Freund, der Gendarm Ilie, begehrt heimlich Frau Oxenberg, die malt und Klavier spielt, einen Citroën fährt und auf einem Reklameplakat für Zigaretten posiert. Die moderne Frau rauchte natürlich, damals. Im Rausch des Pogroms wird sie der Gendarm mit seinen Spießgesellen vergewaltigen, während der Arzt und sein Sohn und unzählige jüdische Mitbürger aus Iaşi brutal zu Tode kommen.

In einer Impression über die Sommerferien schrieb das begabte Kind Golda ein Gedicht über gelbe Kautschukentchen, die in der Brandung vor Warnemünde schwimmen. Sie, die Tochter des jetzt gehassten „Fotzendoktors“, rezitiert das Gedicht vor einem deutschen Offizier. Ein Füllhalter mit goldener Feder wird ihr gereicht – von einem Unteroffizier beschlagnahmt, der diesen wiederum von einem Juden in Todesangst requirierte –, sie muss das Gedicht noch aufschreiben. So rettet sie sich und einem Rabbiner das Leben.

Immer mit Präzision schildert Mihuleac, lesend werden wir Augenzeuge, wenn vergewaltigt, Verletzungen medizinisch behandelt oder der Koitus einvernehmlich vollzogen wird. Von Sexualität reden, ohne geschmacklos zu sein, das gelingt immer in diesem Buch – von wie vielen zeitgenössischen Romanen kann man das sagen?

Die Schoa oder die Grausamkeit des Pogroms von Iaşi hindern den Autor nicht daran, Bonmots zu schreiben, wie sie im KZ-Roman der Nachkriegszeit nicht denkbar gewesen wären oder zweifellos vom Zensor verhindert oder geradewegs in eine Form des Gulags geführt hätten: „Sex für lau bleibt ein marxistisch-leninistischer Traum“, heißt es da beispielsweise. Aus dieser frisch-frechen Schreibweise ergibt sich ein weiterer Vorteil: Dank Mihuleac sehen wir die Wahrheit entstaubt. Der Mensch muss oft gewahren, dass Trauer wie Erinnerung sich abnutzen.

Aber dieser Roman zeigt auch den Alltag der Geretteten in Amerika, dokumentiert schäbige Mechanismen des Handels, auch wenn sie phantasievoll erzählt werden. Alte Tricks müssen her, die Perlenkette wird gegenüber der Kundin gepriesen als eine, die Raissa Gorbatschowa persönlich getragen hat. Ein bizarrer Einblick in den Waren-Fetischismus oder, wie es mit besseren Worten der Autor sagt: „Ein Schneider, der mit einer gefälschten Singer-Nähmaschine anscheinend neue Kleider anfertigt. Wozu er alte und gebrauchte Lumpen benutzt.“

Schreiben über Kapitalismus, in dem für einen guten Zweck gespendete Ware Profit wird, von dem Luxus-Autos und Villen gekauft werden, dies rührt eher unschön an. Ändert aber nichts daran, dass der Autor hier nur seine Arbeit gemacht hat oder, um es Amerikanisch zu sagen: a very good job!

Der Roman sprüht vor Freude am Detail, Hinweisen auf geschichtliche Personen und Ereignisse. Auf 394 Seiten, was mühelos ein Kompendium in zwölf Bänden füllen könnte. Dieses Buch hat keinen Mangel, aber wenn es einen hätte, wäre es seine Überfüllung. Um es mit einem Wort des schriftstellerisch begabten Kindes Golda zu sagen, es braucht für sorgfältige Lektüre viel „Gedankenschweiß“. Für den Leser auch allemal ein Angebot, das Buch mehrmals zu lesen, um es voll auszuschöpfen.

So erklingt beispielsweise Stalins Lieblingslied „Suliko“ oder das Chanson „Warum, mein Vater?“ von Gerard Lenorman, das Kind eines im Weltkrieg vorüberziehenden Soldaten, der von seinem Vater nur den Künstlernamen wusste, unter dem dieser im Krieg als deutscher Soldat vor der Truppe aufgetreten war.

Suzy schreitet in Amerika zum späten Angriff einer Ehefrau auf ihren zwischenzeitlich verbummelten und gleichgültigen Ben. Der arme Kerl muss erst eine bewaffnete Scheinhinrichtung über sich ergehen lassen, damit er sich mit allen diesen Judaika wieder beschäftigt, sie nennt ihn einen „in der Wolle gefärbte Jud“. Daraufhin unterlässt der Reuige Eifersucht, Alkohol und ausschweifende Reisen inklusive seiner Vorliebe für Prostituierte, soll sogar mit einem Bibliotheksausweis gesehen worden sein.

Der Schriftsteller Mihuleac holt die Gräueltaten aus ihrer musealen Pose, befreit unser mögliches Leseerlebnis vom Geruch der Archive. Nun will ich Ihnen keineswegs wie Suzy die Waffe an den Kopf halten, aber zumindest durch diese Rezension ermuntern: Unbedingt lesen! Möge mir als Nicht-Israeli zum Abschluss ein hebräisches Wort gestattet sein: Schalom!

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein

Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner

Zsolnay

München 2017

368 S., 24 €


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