Marcus Wendt | Drucken16.03.2018 

Missverständnisse, die keine sind

„Nichts, was uns passiert“ ist ein sehr gut konstruierter Roman und ein pointierter Beitrag zu #metoo und dem gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt

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Es ist Sommer in Leipzig. Junge Menschen treffen sich am See, im Park und beim Public Viewing in der Kneipe. Anna hat ihr Studium beendet und jobbt gerade. Sie trifft auf Jonas und beide kommen sich näher. Jonas schreibt an seiner Promotion und kommt aus einer langen Beziehung. Das sind die einfachen Umstände, mit denen Bettina Wilpert in ihrem Debütroman nichts, was uns passiert eine aktuelle Debatte auseinandernimmt und neu sortiert. Jonas und Anna haben einmal schlechten Sex, unterhalten sich aber gut. Doch später steht ein Vorwurf der Vergewaltigung zwischen ihnen. Anna sagt, Jonas hat sie vergewaltigt. Jonas sagt, der Sex war einvernehmlich. Wem glauben? Wer lügt? Und vor allem, warum? Bettina Wilpert ist nicht nur ein pointierter Beitrag zur #metoo-Debatte gelungen, sie hat auch einen außerordentlich gut konstruierten Roman geschrieben.

Im Stil eines Berichtes werden alle Beteiligten von einer der Leserin unbekannten Person interviewt. Enge Freundinnen, Bekannte, Mitbewohnerinnen oder Verwandte werden befragt, zu ihrem Verhältnis mit dem Opfer oder zur Verbindung mit dem Täter. Diese Methode gewährt der Leserin einen seltsam eindrücklichen Einblick in die politische und studentische Szene Leipzigs. Wie geht ein Netzwerk, das sich über die Kritik an der Gesellschaft, insbesondere der patriarchalen Gesellschaft definiert, mit einer Vergewaltigung um? Bettina Wilpert stellt private und juristische Entwicklungen gegeneinander. In einem Hausprojekt im linken Stadtteil wird ein Hausverbot an Jonas verteilt, obwohl er viele Jahre dort gearbeitet hat. Es wird eine Gruppe gegründet, die sich mit dem „Erlebnis“ Annas – wie es von der Aktivistin genannt wird – auseinandersetzt, erst ohne Annas Wissen und dann nur mit ihrer widerwilligen Zustimmung.

Für Leipzigerinnen sind die Schauplätze der Handlung – die Bibliothek Albertina, die Barmeile Karl-Liebknecht-Straße oder der linke Stadtteil Connewitz – geflügelte Worte, verbunden mit einer Stimmung oder zumindest einer Meinung. Bettina Wilpert enthält sich zu großen Teilen einer eigenen Beschreibung dieser Orte. Für Leserinnen, die noch nie in Leipzig waren, mag es an der einen oder anderen Stelle deshalb an Bezügen fehlen, schließlich werden nur Namen genannt. Überhaupt sind Beschreibungen selten, Beobachtungen stehen im Vordergrund. Die Sprache von Bettina Wilpert reduziert das Geschehen auf die Meinungen, Vorurteile und Schlüsse der befragten Personen, sie gibt eine Debatte wieder.

Die Berichte der verschiedenen Personen erinnern an Christa Wolffs Roman Medea. Stimmen. Und nicht nur im Aufbau gleichen sich beide Bücher verblüffend, auch in der feinen Herleitung einer Tat und ihrer Umstände ohne einseitige Anschuldigungen sind sie verwandt. Natürlich dreht sich der Blickpunkt: In Wolffs Roman sieht sich Medea Anschuldigungen ausgesetzt – in nichts, was uns passiert wird Jonas angeklagt. Aber wird er wirklich angeklagt? Das ist die Frage, die beide Autorinnen umtreibt: Werden Männer wirklich für irgendetwas verantwortlich gemacht? Weshalb Christa Wolff auch nicht mit dem Ende Medeas in Senecas oder Euripides Tragödien einverstanden war, wo sie in einem von Drachen gezogenen Streitwagen gen Himmel verschwindet. Auch wenn Anna das gerne könnte, ihr und der modernen Medea „reichte der Wille nicht aus, er zählte vor dem Gesetz nicht.“

Was besonders an diesem Roman besticht, ist die Aufmerksamkeit, die auf die kleinen gesellschaftlichen Mechanismen, in denen Anna, vor wie nach der Vergewaltigung, gezwungen ist, sich in ihrer Rolle als Frau zu verhalten. Kleine Gesten, der Verzicht darauf, Jonas zu verbessern oder zu protestieren, sind es, die Bettina Wilpert auf schmerzliche Weise schildert, womit sie deutlich macht, in welcher Lage sich Frauen in unserer Gesellschaft befinden – und das, bevor sie vergewaltigt werden. Es ist keine Frage des Entweder-oder, keine moralphilosophische Spielerei à la Ferdinand von Schirach, es ist, kurz gesagt, gesellschaftliche Wirklichkeit. Der Titel des Buches ist dabei wörtlich zu nehmen: Vergewaltigungen sind nichts, was uns passiert und das ist das Problem. Die Vergewaltigung von Frauen spielt sich immer noch in einem mythologischen Raum ab, daran ändern nächtelange Plenarsitzungen linker Gruppen erst einmal ebenso wenig wie die Erweiterung des § 177. Die Geschichte lässt offen, was passiert, und deutet doch in die richtige Richtung. Mit den Worten Christa Wolffs aus Medea. Stimmen: „Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.“

Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert

Verbrecher Verlag

Berlin 2018

168 Seiten, 19 Euro


Bettina Wilpert liest auf der Leipziger Buchmesse und bei Leipzig liest aus ihrem Roman:

16.3. - 13 Uhr neues deutschland Halle 5, Stand G 406

16.3. - 15 Uhr LCB-Lesung Konferenzraum Halle 5, Übergang zur Eingangshalle Ost

16.3. - 23 Uhr Lesung der unabhängigen Verlage, Lindenfels Westflügel, Hähnelstr. 27

17.3. - 20 Uhr zusammen mit Manja Präkels in der KuApo – Die Kulturapotheke, Eisenbahnstraße 99


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