Kathrin Rahmann | Drucken08.11.2018 

Wer war eigentlich diese Jenny?

Mit seinem Buch „Karl Marx. Ein radikaler Denker“ hat Wolfgang Korn eine Marx-Biografie to go geschaffen, die viele Fragen offen lässt

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Für Jugendliche ab 14 Jahre bewirbt der Hanser-Verlag Wolfgang Korns Karl Marx. Ein radikaler Denker. Aber was genau muss eine Biografie leisten, damit Jugendliche in diesem Alter bereit sind, sie zu lesen? Und was will und kann man mit einer Marx-Biografie für Jugendliche überhaupt erreichen? Wolfgang Korn beginnt seine Biografie mit einem starken Statement: „Die Welt wird immer ungerechter“. Man möchte betrübt mit dem Kopf nicken, während man seine Füße an die wohlig warme Heizung schmiegt, einen Schluck Komm-zur-Ruhe-Tee nimmt und darüber nachdenkt, dass es heute wieder nicht gelungen ist, die angestrebten und gesundheitlich empfohlenen 10.000 Schritte zu gehen. Die Welt wird immer ungerechter – immerhin hat man hierzulande das Glück, auf der Seite der Wohlhabenden gelandet zu sein. Dass die Welt ungerecht ist, gilt als uneingeschränkte Wahrheit, wenn man nicht eben der religiösen Auffassung anhängt, sie sei von Gott gerecht eingerichtet. Aber ist unsere Welt ungerechter als die des 19. Jahrhunderts, in der Marx lebte? Ist unsere Welt ungerechter als die Welt der Klassengesellschaft? Zwei Fragen wirft Korn in seiner Einleitung auf: „Hat Marx doch recht?“ und „Wie war Karl Marx als Mensch?“.

Korn will das Buch „nicht nur als eine Entdeckungsreise in die Geschichte des 19. Jahrhunderts“ verstanden wissen, „sondern auch als eine Erkundung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das heute Globalisierung genannt wird“. Und das alles auf 250 Seiten. Was dem Autor gelingt, ist der Blick auf ein Menschenleben in seinem historischen Kontext. Er betrachtet Marx’ Entwicklung im Zusammenhang mit seiner Herkunft, seiner historischen und geistigen Umgebung und als Resultat einer bestimmten Persönlichkeit, die das Glück hatte, Menschen an ihrer Seite zu haben, die ihr halfen, sich zu entfalten. In ihrer Knappheit ist die Biografie umfassend; und dennoch geht ihr etwas Wichtiges ab, nämlich eine intensive Beschäftigung mit Marx’ Ideenwelt, mit eben jenen Fragen nach der Globalisierung und der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, die Korn an den Anfang seiner Marx-Biografie gestellt hat. Korn will keine Marxisten heranziehen; seine Biografie unternimmt keinen Versuch zu ideologisieren. Dennoch muss die Frage gestellt werden, ob man sich Marx adäquat genähert hat, wenn die Lektüre nicht mit der Frage schließt „Was tun?“, sondern stattdessen mit einem schulterzuckenden „So what?“. Marx selbst hat seine Zeitgenossen in Lager gespalten. Wer ihn nicht verehrte, der verachtete ihn. Das vermag Korns Biografie nicht. Sie ist vielmehr geeignet für Leser, die auf der Suche nach einem Marx to go sind und sich dabei gleichzeitig ein bisschen bildungsbürgerliches Schlaumeierwissen aneignen möchten. Aber Denkanstöße, die die Lebenswelt von Jugendlichen in verschiedenen ökonomischen Situationen betreffen, bietet dieses Buch nicht.

Zum Faszinosum werden statt des lockigen Mannes mit den Karbunkeln – über dieses Marx’sche Leiden weiß man nach der Lektüre vermutlich mehr als er selbst – jene Persönlichkeiten, die Marx begleitet haben: seine Frau Jenny Marx, die ihn trotz ihres bequemen Adelstitels auf seinem beschwerlichen Weg begleitet hat, und sein Freund Friedrich Engels, der ihn als Sohn eines Großindustriellen ein Leben lang unterstützt hat. Was hat diese Menschen bewogen, ihre ökonomisch äußerst gemütliche Ausgangslage zu verlassen, um an der Seite eines Mannes zu sein, der forderte, die Besitzverhältnisse müssten umgekrempelt werden?

Wolfgang Korn: Karl Marx – Ein radikaler Denker

Hanser Verlag

München 2018

256 Seiten, 19 Euro


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