Bettina Kremberg | Drucken12.03.2020 

4.0 oder die Tücken, die der Autor liest

1.0, 2.0, 3.0 … 4.0

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Dirk Baecker ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke; er ließ sich beim großen Niklas Luhmann promovieren. Normalerweise beschäftigt er sich mit Kunsttheorie und Kommunikationsmedien. Hervorgetreten ist er mit Publikationen zu den Themen Planungs- und Entscheidungstheorie sowie Managementtheorie und zum Begriff des Risikos. Er ist Mitherausgeber eines Magazins für die nächste Gesellschaft (Next Society).

In seinem neuesten Buch 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt, das 2018 im Merve-Verlag in Leipzig erschienen ist, geht es um diese nächste Gesellschaft, die Gesellschaft 4.0. Folgende Kriterien markieren die Gesellschaft 4.0: Digitalisierung, Netzwerken, Flüchtigkeit, Ungeduld, Ambivalenzen, Komplexität, Kontrolle, Technokratie, Labyrinthisches, Ressentiments und Heterogenität. Sie grenzt sich von ihren Vorgänger-Gesellschaften ab: Da ist zunächst die Stammesgesellschaft (1.0) als Epoche der Mündlichkeit, die antike Gesellschaft (2.0) als Epoche der Schriftlichkeit und die moderne Gesellschaft (3.0) als Epoche des Buchdrucks. Ob das Buch aus der Perspektive 3.0 oder 4.0. geschrieben wurde, ist dabei ebenso wenig eindeutig wie sein Ausgang. In seiner am Ende des Buches bereitgestellten Kategorien-Tabelle stellt Baecker über hundert Kategorien vor, die die einzelnen Gesellschaften in ihren typischen Kalkülen gegeneinander kontrastieren.

Unsicherheiten

Baeckers nächste Gesellschaft hat es vor allem mit Unsichtbarem, aber gleichsam Wirkmächtigem zu tun. Dazu braucht es von den Teilnehmern dieser Gesellschaft neue Kompetenzen, denn sie setzt sowohl Vertrauen als auch Misstrauen in ihre Strukturen und ihre Techniken voraus. Dabei sind Komplexität und Netzwerke die Hauptmerkmale. Gleichzeitig ist die nächste Gesellschaft militärisch, ökonomisch und ökologisch konservativ und ihre Wissenschaft ist poetisch wie mathematisch. Ihre Ethik ist die des einwandfreien Handeln, also eines Handelns, dem alle Betroffenen zustimmen würden. Der Tod ist in der nächsten Gesellschaft nicht mehr total oder absolut, sondern ein Löschvorgang, der rückgängig gemacht werden kann. Gekennzeichnet ist diese Gesellschaft von einer Entscheidungsunsicherheit, denn im Buch bleibt Baecker bewusst indifferent gegenüber der Entscheidung, ob die nächste Gesellschaft eine Fortführung oder eine Ablösung der modernen Gesellschaft darstellt. Der Witz sei dabei eine Intelligenz, die nicht weiß, wie ihr geschieht.

Während also das Projekt der Moderne die Inklusion der Gesamtbevölkerung in politische, rechtliche, wirtschaftliche, pädagogische und kulturelle Prozesse verfolgt, strebt das Projekt 4.0 einer Digitalisierung zu, einer Transformation analoger in diskret abzählbare, binär codierte, statistisch auswertbare, maschinell berechenbare Prozesse zu, die die Variable der Gesellschaft schärfer stellt und an deren Ende die politische Möglichkeit der Überwachung, die massenhafte Bereitstellung von Plattformen für Arbeit, Konsum und Erhaltung sowie die wissenschaftliche Erforschung von Welt und Gesellschaft durch die umfassende Verteilung von Sensoren in Stadt und Land, Wasser und Luft als wichtige Teilaspekte einer technologischen Transformation durch elektronische und digitale Medien begreift.

Ambivalenzen der Digitalisierung

Angemessen würdigen kann man die nächste Gesellschaft nur, wenn man das Stichwort Digitalisierung der Gesellschaft in seiner Ambivalenz ernst nimmt, so die Leseanweisung des Autors. Denn mit jedem neuen Medium tritt ein Problem der Möglichkeit und Verknüpfung von Kommunikation auf, die die vorherige Epoche nicht hatte. Deswegen, so Baecker, brauchen wir einen Blick für die Antworten früherer Gesellschaften. Das Ergebnis seiner essayistischen Überlegungen ist eine Medienarchäologie, eine Probebohrung, die nicht schlüssiger auftritt als die Gesellschaft, der sie gilt, und die ein soziales Abenteuer ist. Die elektronischen Medien folgen weder einer Sachlogik noch einer einfachen Erzählung wie die Moderne. Sie sind hybrid, multimedial und sozial. Der Kontext wird zum entscheidenden Inhalt. In Netzwerken werden prinzipiell heterogene Elemente verknüpft, die untereinander Identitäts- und Kontrollbeziehungen sind.

Netzwerke als Einheit der Vielheit

Ein solches Szenario setzt bei den sozialen Akteuren eine neue Anschlussfähigkeit voraus, denn sie müssen fähig sein zur Ablehnung und Annahme, aber auch zu einer spezifischen, grundsätzlich riskanten Profilierung, so Baecker. Ihre Netzwerklogik grenzt sich gegenüber solchen Ereignissen, Aktivitäten, Geschichten, Institutionen, Praktiken und Werten ab, die sie gleichzeitig als Ungewissheitskalkül in sich selbst wieder abbildet. Denn Netzwerke verknüpfen Elemente weder kausal noch zufällig, sondern gemäß einer von den Elementen selbst zu entscheidenden Attraktivität der Nachbarschaft, also eines Algorithmus.

Insofern ist die nächste Gesellschaft nach Baecker vor allem da ganz bei sich, wo sie Dinge, Personen, Momente miteinander kombiniert und sich aus einer weitgehenden Unabhängigkeit heraus auf Beziehungen der Abhängigkeit einlässt. Daraus entsteht eine neuartige Einheit der Vielfalt. Und weil die nächste Gesellschaft sich einer unbekannten Zukunft stellen muss, will sie sich über Kontrolle und Medien(-Design) Orientierung über die Unbestimmtheit verschaffen. Diese Komplexitätssteigerung begleitend zu reflektieren tritt Baecker mit seinem Buch voller spannender Thesen an.

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt

Merve-Verlag

Leipzig 2018

276 Seiten, 22 Euro


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