Archibald A. | Drucken13.04.2020 

Kein gewöhnliches Familiendrama

Eine cineastische Empfehlung in Zeiten des Rückzugs ins traute Heim: „Einfach das Ende der Welt“ von Xavier Dolan ist ein aufwühlender, mitreißender Film, der einen noch lange beschäftigen wird und den man lieber nicht vor der Nachtruhe zur Entspannung schauen sollte


bild_01_851.jpg

Wenn die Familie zusammenkommt, sind Konflikte programmiert. So auch in Xavier Dolans „Einfach das Ende der Welt“. (Fotos: Praesens Film)

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” (Leo Tolstoi: „Anna Karenina“, 1877/78)

Bereits die ersten Minuten berühren und wühlen auf, lassen durch ihre eindrücklichen Bilder, immer mit Bedeutung tragender Begleitmusik verknüpft, bleibende Impressionen entstehen. Wir begleiten den 34-jährigen Louis (gespielt von Gaspard Ulliel), der vor 12 Jahren ohne Erklärung seine Familie verließ und heute das erste Mal zu seiner (Ursprungs)Familie heimkehrt, um dieser mitzuteilen, dass er an einer tödlichen Erkrankung leidet. Während sich Louis gedankenverloren, sich auf die eigene Vergangenheit besinnend, der Heimat nähert, sehen wir seine Familienmitglieder in reger Vorbereitung und in aufgeregter Erwartung seines Kommens.

Schon der Empfang des Wiederkehrenden zeigt auf, was sich im ganzen Film hindurchzieht: Die unterschiedlichen „Sprachen“ der Anwesenden lassen ein sehr dynamisches, aufwühlendes Beisammensein entstehen. Dabei spielt die verbale Sprache gegenüber der nonverbalen, subtilen Kommunikation eine untergeordnete Rolle. Denn während des ganzen Films geht es um die Unfähigkeit zu verbalisieren, was tatsächlich im Inneren eines jeden vor sich geht. So sind ein Großteil der Interaktionen Konflikte, die, aus einstigen Verletzungen und Frustrationen erwachsen, sich nun in Sticheleien, Beleidigungen und Zerwürfnissen manifestieren. Hinter all diesen scheint sich jedoch immer Liebe oder die Sehnsucht nach Liebe zu verbergen.

Die mitunter mit Willen zugefügten Kränkungen wie auch die für die anderen jeweils unverständlichen Reaktionen gewinnen im Verlauf der Erzählung alle ihren Sinn, stammen sie doch alle letztendlich aus der Unfähigkeit, den anderen zu hören, bzw. dem anderen wahrhaftig zuzuhören. Dabei ist der Brennpunkt beinahe aller Konflikte der grimmige Antoine (gespielt von Vincent Cassel, bekannt unter anderem aus Black Swan von Darren Aronofsky), älterer Bruder von Louis, der seine Bitterkeit nicht nur an seinen Geschwistern, sondern auch an seiner liebevollen Frau, Catherine, (gespielt von Marion Cotillard, bekannt für ihre, mit diversen Preisen ausgezeichnete Rolle als Édith Piaf in La vie en rose aus dem Jahr 2007) in Form von Kränkungen auslässt.

bild_02_603.jpg

Louis (Gaspard Ulliel) leidet an einer tödlichen Krankheit. Wie wird seine Familie auf diese Nachricht reagieren? (Fotos: Praesens Film)

„Wer bist Du?“

Die Herausforderung, den nahenden Tod zu einem geeigneten Zeitpunkt anzukündigen, zieht sich wie eine sich stetig steigernde Spannung bis zum Ende hindurch, ohne sich wirklich aufzulösen. Sie spiegelt sich sowohl im Äußeren Louis’ (die anfängliche Abstinenz gegenüber Alkohol und Tabak schlägt zum Ende in eine Indifferenz gegenüber der schädlichen Wirkung dieser über) als auch in der Intensität seiner Rückblicke, bzw. auch im Verhalten der anderen wider. Denn dass die Wiederkehr des lange nicht Gesehenen kein Besuch zum Kaffeeklatsch ist, sondern dass sein Kommen eine (noch) undurchsichtige und unerklärliche Mission hat, schwebt von Beginn an im Raum und erzeugt die Spannungen sowohl auf intrapsychischen als auch auf zwischenmenschlichen Ebenen. Neben dieser zentralen Frage stellen sich im Verlauf noch viele weitere, deren Ursprung die grundlegende Frage ist: „Wer bist Du eigentlich, Louis?” Und: „Wie stehst Du zu uns?”

Der sympathische, zurückhaltende, Erfolg symbolisierende Louis, junger Autor in der Stadt, steht mit seiner wortkargen, nachdenklichen Art in radikalem Kontrast zu seinen Familienmitgliedern, die seine jahrelange Abwesenheit durch zahllose Vorwürfe, Fragen und Erwartungen anprangern. Gleichzeitig wird deutlich spürbar, dass Louis während seiner scheinbaren, jahrelangen Abwesenheit dennoch auf seine eigene, für die anderen unverständliche und schwerlich entzifferbare Art und Weise präsent gewesen ist. Davon zeugen unter anderem die von ihm gesendeten, sich im Laufe der Zeit anhäufenden individuellen Postkartensammlungen sowie seine zwar ferne, aber umso ehrlichere Anteilnahme an familiären Ereignissen.

Als jüngstes Familienmitglied hat Suzanne (gespielt von Léa Seydoux, zuvor in The Lobster von Giorgos Lanthimos in 2015 in einer Nebenrolle) keine eigenen Erinnerungen an Louis und bringt ihm ein umso authentischeres Interesse entgegen, gepaart mit der Hoffnung, eine lang ersehnte geschwisterliche Verbindung mit ihm aufbauen zu können, die mit ihrem anderen Bruder Antoine bisher aufgrund der ständigen Spannungen zwischen ihnen nicht möglich gewesen ist.

bild_03_246.jpg

Nathalie Baye verkörpert wie schon in Dolans Meisterstück „Laurence Anyways“ aus dem Jahr 2012 die Mutter der Hauptfigur. (Fotos: Praesens Film)

Verstehen ohne Worte und Nicht-Verstehen durch Worte

Die Mutter (gespielt von Nathalie Baye, die bereits in 2012 in Laurence Anyways mit Dolan zusammengearbeitet hat), deren Name im Film gar nicht genannt wird, ist die Verbindende im Kreis, die augenscheinlich bemüht ist, eine gewisse Harmonie inmitten all der Zwistigkeiten herzustellen. Sie kommt ihrem vermissten Sohn mit offenen Armen entgegen und versichert ihm ihre bedingungslose Liebe; gleichzeitig stellt sie Fragen, die die zwischen den beiden klaffende und sie trennende Kluft sehr markant hervorheben.

Catherine, die Frau von Antoine, stellt durch ihre Sensibilität eine Art Spiegel für die dysfunktionalen Verhaltens- und Reaktionsweisen der Familie dar. Von ihrem Mann oftmals harsch zum Schweigen gebracht, bricht aus ihr, von einer Art Gerechtigkeitssinn geleitet, wiederholt der Impuls nach Schlichtung hervor, auch wenn sie bis zum Ende eher Beobachterin als Teilnehmerin des Geschehens zu sein scheint. Durch ihre Intuition scheint sie viel mehr zu wissen und zu verstehen, als man es ihr in diesem Kreise zuerkennen würde. Obwohl sie Louis jetzt das erste Mal begegnet, ist sie die Einzige im Raum, die den wahren Beweggrund seines Besuches erahnt und mit diesem Wissen auch feinfühlig umzugehen vermag.

Es ist sehr eindrucksvoll, wie Dolan es schafft, eine Begegnung aufzuzeichnen, die die einzige ist, in der ein wahres Verständnis dem anderen gegenüber entsteht – und dies nicht vornehmlich durch (verbale) Sprache. Dies ist auch dem bemerkenswerten Spiel von Cotillard und Ulliel zu danken, und damit wird durch ein weiteres Mittel der unüberbrückbare Graben zwischen Louis und dem Rest der Familie hervorgehoben, reden und schreien und weinen und lachen und plaudern diese doch permanent, ohne einander wirklich (zu) zu hören.

bild_04_881.jpg

Catherine, einfühlsam gespielt von Marion Cotillard, scheint die Einzige zu sein, die den wahren Grund für Louis‘ Besuch erahnt. (Fotos: Praesens Film)

Musik und Stille als Spiegel des Geschehens

Obwohl wir während des ganzen Films alltägliche Auseinandersetzungen auf engstem Raum beobachten (also nichts Unübliches für all die, die von Zeit zu Zeit mit der eigenen Familie zusammenkommen), schafft es Dolan durch verschiedene Mittel, eine Spannung aufzubauen, die uns am Geschehen teilnehmen lassen. Denn unmöglich scheint es, diesen Film zu schauen, ohne mit (mindestens) einem (aber mitunter auch gleichzeitig mehreren) der Schauspielenden mitzufühlen, mitzuschwingen. Sowohl die äußerst bedacht gewählten Lieder (unter anderem während der Rückerinnerungen Louis’ an vergangene Zeiten) als auch die gefühlvoll komponierte Musik des libanesischen Komponisten Gabriel Yared (mehrfach ausgezeichnet für die Komposition der Musik zahlreicher Filme) lassen vielfältige Gefühle entstehen, die immer mit der jeweiligen Szene korrespondieren; sei es die Trauer um die erste, vergangene Jugendliebe oder die Wut angesichts ungerechter Kränkungen.

Auch das (Zusammen)Spiel der Schauspielenden überzeugt. In keinem Moment des Films entsteht das Gefühl, dass jemand übertreibt, sowohl in den eigenen Reaktionen als auch Aktionen. Der präzise und gleichzeitig Raum für Improvisation und Intuition schaffende Regiestil von Dolan spiegelt sich auch im Miteinander der Schauspielenden wider, so überzeugend stellen sie eine Familie dar. Bei der Entfaltung der Geschichte kommen immer mehr Nuancen an die Oberfläche, die die Beweggründe der einzelnen Personen näher beleuchten und dies nicht ausschließlich durch Gespräche, sondern durch Blicke, Stille, Musik und Nahaufnahmen der Einzelnen.

Ein Rätsel ohne (Auf)Lösung

Denn auch wenn Antoine wahrhaftig bösartige Kränkungen von sich gibt, vermittelt Vincent Cassel gleichzeitig ein Gefühl für den sich hinter diesen verbergenden, wahren Grund und lässt vielleicht nicht Sympathie, aber dennoch ein Verständnis in uns entstehen. Auch durch das gelungene Spiel Gaspard Ulliels entsteht das Gefühl, selbst mittendrin im Geschehen zu sein. Durch die behutsam aufgenommenen, nahen Bilder seiner inneren wie äußeren Regungen stellt sich auch die zentrale Frage: Wer bist Du, Louis? Und man will immerfort selbst herausfinden: Warum und unter welchen Umständen verließ damals Louis die Heimat? Was ist es denn für eine Krankheit, unter der er leidet und wie lange hat er denn noch wohl zu leben? Und, vor allem: Wann und wie wird es Louis schaffen, auszusprechen, was er auszusprechen während der ganzen Zeit im Sinn hatte?

Kurz bevor Louis auszusprechen versucht, was er die ganze Zeit, sich quälend, in sich trägt, entsteht ein kurzer Moment der Ruhe, einem Frieden ähnelnder Zustand, in dem die Möglichkeit für Versöhnung aufscheint. Wie wird diese Geschichte enden? Diese wie auch andere Fragen bleiben am Ende offen und es obliegt dem Betrachtenden, wie er die stark gezeichnete, (be)rührende Schlussszene interpretiert.

Die Jury von Cannes war sich 2016 in ihrem Urteil einig und zeichnete „Einfach das Ende der Welt“ mit dem Großen Preis der Jury aus. Nicht die erste Ehrung für Xavier Dolan: Bereits im Alter von 19 Jahren wurde sein Regiedebüt als Spielfilm („I killed my Mother”, 2009) bei den Filmfestspielen von Cannes aufgeführt und erhielt (wie auch in späteren Jahren andere seiner Werke) diverse Auszeichnungen. Wir blicken schon mit freudiger Erwartung dem nächsten Film Dolans entgegen, der im Herbst seine deutsche Premiere feiern wird und in dem es um eine Freundschaft zwischen zwei jungen Männern geht (Matthias & Maxime, 2019).

Einfach das Ende der Welt (Juste la fin du monde)

Frankreich/Kanada 2016,99 Minuten

Regie: Xavier Dolan; Darsteller*innen: Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard

„Einfach das Ende der Welt“ findet sich aktuell in der Online-Mediathek der Leipziger Städtischen Bibliotheken


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Corona TV & andere on demand-Angebote

Das Kontaktverbot macht die Leipziger Kulturszene erfinderisch: Das Schauspiel Leipzig zeigt zweimal pro Woche On-Demand-Inszenierungen, der Westflügel streamt das Puppentheaterstück „Die wundersame Reise der kleinen Sofie“ und Fans von Ilses Erika folgen jetzt „Corona TV“ auf Facebook

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Rubrik für junge Autorinnen und
Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Texte zum Schreibwettbewerb Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Newsletter

Mit dem Newsletter informieren wir Sie einmal im Monat über die neuen Texte im Leipzig-Almanach. Das Abo können Sie jederzeit kündigen. Ihre E-Mail-Adresse geben wir ausschließlich zum Versand an die sichere Software Newsletter2Go weiter.