Julia Eichhorn | Drucken02.11.2019 

Stigmatisierung statt Aufklärung

DOK Leipzig: „Spuren“ betrachtet die durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) verübten Morde aus einem Blickwinkel, dem bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde: aus dem der Angehörigen. Aysun Bademsoy berichtet einfühlsam über deren Leben „danach“

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Aysun Bademsoys Film „Spuren“ hätte den Filmpreis „Leipziger Ring“ allemal verdient (Foto: DOK Leipzig 2019).

Die Morde der neun ausländischen Kleinunternehmer und der deutschen Polizistin zwischen 2000 und 2007 in Deutschland, welche durch den selbsternannten NSU begangen wurden, gingen durch zahlreiche Medienberichte wohl an niemandem (spurlos) vorbei. Rechtsextreme Hintergründe der Verbrechen wurden zunächst seitens der Polizei ausgeschlossen, und das Umfeld der Opfer wurde hinsichtlich möglicher Täter untersucht. Es folgte die Stigmatisierung der Hinterbliebenen durch Spekulationen über möglichen Drogenhandel und Mafia-Machenschaften in den Familien. Als der NSU durch den Selbstmord seiner Anhänger Mundlos und Böhnhardt sowie durch Bekennervideos Zschäpes bekannt wurde, zog dies eine tiefe Krise der deutschen Sicherheitspolitik nach sich.

Intime Einblicke

Im Fokus des Dokumentarfilms Spuren stehen Erzählungen der Angehörigen und Hinterbliebenen der Mordopfer. In zutiefst persönlichen und bewegenden Interviews erzählen die Familien über die geliebten Menschen, welche sie verloren haben. Doch auch die Stigmatisierung, welche sie ertragen mussten, kommt häufig zur Sprache. Dabei gelingt es Bademsoy, den Angehörigen den nötigen Raum zu geben, um sich Luft über das vielschichtige Versagen hinsichtlich der Ermittlungen zu machen, jedoch die Erinnerung an die Opfer in den Vordergrund zu rücken. Der Zuschauer ist stets sehr nah dabei – ob am heimischen Küchentisch, am Grab eines Opfers oder an den Tatorten selbst. Bademsoy begleitet die Familien der Opfer in Nürnberg, Dortmund und Hamburg.

Weiße Weste

Enver Şimşek, gestorben am 11. September 2000 in Nürnberg, war das erste Opfer der Mordserie des NSU. Er war Inhaber eines Blumenhandels und wurde an seinem mobilen Blumenstand niedergeschossen. Noch heute hängt ein ehemaliger Kollege an diesem Ort ein Bild von ihm auf. Er ist nur einer von vielen, die dort Blumen ablegen. Gegen das Vergessen. Şimşeks Frau Adile und seine Tochter Semiya zogen 2012 zurück in die Türkei. Adile erzählt Bademsoy von den damaligen schweren Anschuldigungen und Vorwürfen seitens der Öffentlichkeit und von den Auswirkungen hetzerischer und reißerischer Presse. Adile ging bis zum NSU-Prozess im Sommer 2018 nur mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Erst nach der Urteilsverkündung war es ihr möglich, aufrecht zu gehen – mit weißer Weste und befreit. Niemand konnte ihr nun mehr Schuld zuweisen.

„Ich will, dass der Verfassungsschutz sagt, was er wusste!“

Mehmet Kubaşık, gestorben am 4. April 2006 in Dortmund, war das achte Opfer. Er war türkischer Herkunft und kurdischer Abstammung und wurde in seinem eigenen Kiosk erschossen. Während Teile der Familie Şimşek die räumliche Distanz zu Deutschland suchten, ist es vor allem Kubaşıks Tochter Gamze, welche sich fremd fühlt, wenn sie in der Türkei Urlaub macht. Trotz der Grausamkeiten ist sie stolz auf ihre Heimat und ihre Stadt: „Es gibt in Dortmund viele Nazis, aber es gibt auch ganz viele tolle Menschen. Ich liebe dieses Land. Ich bin hier aufgewachsen.“ Gamze ist es auch, die auf einer Pressekonferenz nach der Urteilsverkündung deutliche Worte findet. Dort forderte sie den Verfassungsschutz auf, zu sagen, was er wusste. Vor allem über die Auswahl der Opfer. Sie selbst ging ein Jahr nach dem Mord nicht mehr aus dem Haus. Aus Angst, Opfer zu werden, aber auch, weil sie die Vorwürfe, ihr Vater wäre ein schlechter Mensch gewesen, nicht mehr ertragen konnte.

Erleichterung – Enttäuschung – Angst

Gamze spricht wie Adile Şimşek von Erleichterung, als die Morde endlich aufgeklärt wurden. Die Verdächtigungen gegen die Familie hörten auf. Nun war bewiesen, dass ihr Vater kein Verbrecher war. Große Hoffnung setzte sie in den NSU-Prozess und glaubte an Gerechtigkeit, welche dieser mit sich bringen würde. Da die Strafen für die Drahtzieher allerdings so milde ausfielen, habe sich an ihrem Leid nichts geändert. Elif Kubaşık ist ebenso untröstlich: „Da ist nur Dunkelheit. Man bleibt halb zurück. Wie eine Seite, die nie zu Ende geschrieben wird.“ Im alevitischen Gemeindehaus erzählt Gamze von ihrer Vermutung, in Dortmund würden nach wie vor Helfer des NSU leben. Ihre Angst würde erst verschwinden, wenn alle gestellt werden und endlich Gerechtigkeit hergestellt sei. Vergessen könne man die Ereignisse natürlich trotzdem niemals.

Und dafür sorgt letztlich auch Bademsoy mit ihrer bewegenden Dokumentation des Lebens „danach“. Spuren ist ein heißer Anwärter für den Filmpreis „Leipziger Ring“ – den Publikumspreis für einen hervorragenden Dokumentarfilm über Menschenrechte, Demokratie oder bürgerschaftliches Engagement. Verdient wäre die Auszeichnung allemal. Doch so oder so ... Dieser Film hinterlässt zweifelsohne Spuren bei den Zuschauern!

Spuren

Deutschland 2019, 90 Minuten

Regie: Aysun Bademsoy

DOK Leipzig, Internationales Programm langer Dokumentar- und Animationsfilm

Vorführungszeiten, Katalogtext

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