Elisabeth Hauck | Drucken01.11.2018 

Dokumentarische Versuchsanordnung

DOK Leipzig: Im Deutschen Wettbewerb entfaltet Regisseurin Claudia Lehmann mit ihrem Beitrag „Sinfonie der Ungewissheit“ eine wunderbare Sinnsuche

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Angelehnt an die Prinzipien des direct cinema filmt die Kamera in „Sinfonie der Ungewissheit“ in beobachtender Distanz. Dazu passen auch die durchgängigen Schwarz-Weiß-Bilder. (Foto: DOK Leipzig)

Gerhard Mack, emeritierter Professor am DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron) in Hamburg, bewegt sich eher schleichend über die Flure der Forschungseinrichtung. Seine Stimme ist schwer, er wählt die Worte mit Bedacht, nimmt sich Zeit bei der Entfaltung seiner Gedanken. Wir sehen das DESY, welches den größten Teilchenbeschleuniger der Welt beherbergt. Wir sehen seine Flure, den Elektroraum, Vorlesungssäle, die Kantine, aber auch das Freigelände. Alles in Schwarzweiß, untermalt mit Musik, die irgendwo zwischen Abstraktion, Assoziation und Industriesound schwebt.

Die Regisseurin Claudia Lehmann, die selbst Physik studiert hat, konfrontiert mit der Aufstellung einer Versuchsanordnung. Mit Bildern der Forschungseinrichtung, Macks Worten zu Themen der Physik, der Philosophie und des Lebens im Allgemeinen sowie den Klängen der Musiker hat sie eine dreiteilige Anordnung kreiert. Zu Beginn des Films muss diese Versuchsreihe aufgebaut werden. Die Einführung in die Thematik des Films und die Richtung, in die er gehen will, wirkt anfangs ziemlich sperrig. Erst nach und nach entfaltet sich das Sujet und es wird klar, um was es hier gehen soll.

Ausgehend von der Physik geht der Film nichts weiter als den großen Fragen der Menschheit nach. Die DESY-Webseite wirbt mit dem Slogan: „Wir machen Erkenntnis möglich“. Auf diesen Spuren wandelt auch Lehmann. Was ist Realität, wie erlangen wir Wissen? In der Physik gilt das Experiment als Grundlage der Erkenntnis. Doch was ist mit der subjektiven, oft objektiv nicht überprüfbaren Erfahrung, mit der Menschen ja tagtäglich umgehen müssen? Wirklich spannend geraten hier die Gespräche zwischen Mack und seiner Lebensgefährtin. Diese ist (aus dem Abspann erkenntlich) Heilpraktikerin und hat eine völlig andere Sicht auf die Welt und ihre Realitäten. Beide tauschen sich auf gleicher Augenhöhe klug über ihre Ansichten aus.

Die Regisseurin geht dabei formal sehr geschickt vor. Es gibt keine Vorstellung der „auftretenden“ Personen, erst nach und nach wissen wir, mit wem wir es zu tun haben und wo wir sind. Angelehnt an die Prinzipien des direct cinema folgt die Kamera in einer beobachtenden Distanz. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass die verschiedenen Gesprächspartner Macks bewusst gewählt worden sind, um bestimmte Diskurse überhaupt voran zu bringen. Neben seiner Lebensgefährtin treffen wir noch auf einen Vogelbeobachter, eine Schamanin und Kollegen aus dem Forschungsfeld. An anderer Stelle zeichnet die Kamera sogar Regieanweisungen an Mack auf, ob er am Ende nicht einfach den Waldweg dort lang gehen könne. Das ist clever und offenbart die filmische Arbeitsweise, die von anderen Regisseuren oft verschwiegen wird.

Am Ende zählt das Resultat und Sinfonie der Ungewissheit erzeugt einen wunderbaren Bilder-Wort- und Klang-Reigen, der einen zum Nachdenken anregt.

Die Sinfonie der Ungewissheit

Deutschland 2018; 95 Minuten

Regie: Claudia Lehmann

DOK Leipzig 2018, Deutscher Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm

Vorführungstermine, Katalogtext

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