Michael Fürch | Drucken05.07.2018 

Der wohl längste Versuch, sich nicht zu küssen

In Hans Weingartners Roadmovie „303“ nähern sich zwei Menschen so behutsam und romantisch an wie zuletzt in „Before Sunrise“

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Anton Spieker und Mala Emde als Jan und Jule. (Foto: Alamode-Filmverleih)

Da ist Jule (Mala Emde). Sie ist gerade an der Uni durch eine wichtige Bio-Prüfung gerasselt. Zudem auch noch schwanger, ungeplant. Ob sie das Kind behält, will sie mit ihrem Freund klären. Der ist allerdings in Portugal. Also reaktiviert sie ihr(titelgebendes) Mercedes-Benz 303-Hymer-Wohnmobil, ein irgendwie antiquiert-hippes Relikt aus dem letzten Jahrhundert, und macht sich damit auf den Weg zu ihm. Dann wäre da noch Jan (Anton Spieker). Ihm wurde ein Hochschul-Stipendium verwehrt, seine finanzielle Basis ist wieder unklar. Klären möchte er aber zunächst was anderes. Er will nach Spanien, um seinen leiblichen Vater kennenzulernen.

Zwei junge Menschen, Anfang Zwanzig, in jeweils sehr persönlichen Umbruchsituationen; auf der Suche – nach sich und Antworten; unterwegs – zwischen Vergangenheit und Zukunft. Natürlich treffen sie aufeinander. Jule pickt den glücklos trampenden Jan an einem Rasthof auf. Ihre gemeinsame Reise, die eigentlich nur von Berlin bis Köln geplant war, endet in Aljezur, der Südspitze Portugals. Selbstverständlich sind sie dann (bzw. zweieinhalb Filmstunden später) nicht mehr jene, als die sie gestartet waren. Sie haben sich angenähert, sich dabei um Kopf und Kragen geredet, sich nahezu in Zeitlupe gehäutet. Und – ebenso selbstverständlich – ineinander verliebt. Schließlich gehört sich das für ein romantisches Coming-Of-Age-Roadmovie.

Dies alles ist jedoch wunderbar unterfüttert mit intellektueller Verve und subtilem Witz, wie man es von Hans Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei, Die Summe meiner einzelnen Teile, Das weiße Rauschen) gewohnt ist. Die Aufnahmen pittoresker Locations in ganz Europa, das gleißende Licht und die stets spürbare Wärme der Bilder machen es leicht, sich in den Film, seine Stimmung und Thematik hinein fallen zu lassen. Den meisten Fördergremien allerdings gelang dies im Entwurfsstadium nicht – zu dialoglastig, das funktioniert nicht, hieß es. Weingartner hat den Film schließlich – mit einigen Jahren Verzug und finanziellem Eigenrisiko – selbst produziert. Das Ergebnis beweist, dass auch sogenannte Laberfilme wunderbar funktionieren können.

Auf die Dialoge ist Weingartner mehr als stolz. Selbstbewusst behauptet er, dass es ihm so schnell niemand nachmachen wird, Leinwandgespräche derart authentisch abzuliefern. Jahrelang habe er mit seiner Co-Autorin Silke Eggert und den Schauspielern daran gefeilt – bis sie Sound und Themen der heutigen Jugend trafen. Das sprüht tatsächlich, wirkt ungekünstelt und wie echt aus dem Leben. Behandelt werden dabei nahezu alle großen Fragen unserer Zeit (Ist der Mensch kompetitiv oder kooperativ? Was ist Liebe, gibt es sie oder ist sie nur ein subtiles biologisches Programm? Und Monogamie nichts weiter als ein gesellschaftlich vorgegebenes Ticket ins Unglück? Gibt es Alternativen?). Von diesem Großen führt es ganz, ganz langsam ins Kleine, in das Persönliche, den Wünschen und Ängsten der Protagonisten. Als Zuschauer Zeuge dieser immer enger werdenden Spiralen zu sein – das beglückt, schließlich ist man ganz nah dran, an den Figuren. Sie wachsen einem ans und ins Herz: Ja, so ist das – bzw. könnte es sein – wenn sich zwei Menschen vorsichtig einander öffnen. Schön nämlich.

Weingartner bezeichnet 303 als einen „Anti-Tinder“- Film: Statt 3 Sekunden Wisch-und-Weg zeige er die Annäherung zweier Seelen. Gewissermaßen ist es auch ein Rebrush von Richard Linklaters Before Sunrise aus dem Jahre 1995, quasi für die Millennials. Damals umkreisten sich Julie Delpy und Ethan Hawke (beide blutjung) gleichermaßen wortgewaltig-entwaffnend eine romantische Nacht lang in Wien. Weingartner war Produktionsassistent bei diesem Film, beeindruckt von Idee und Umsetzung und fasste den Entschluss, so etwas auch zu machen. 23 Jahre später sollte es soweit sein. Und es sollte auch keine explizite Romanze werden, er wollte vielmehr spannende Gedanken und Konflikte zeigen – in einer Raumkapsel namens Wohnmobil. Vielleicht ist „303“ genau aus diesem Grund ein wunderbar luftig-leichter und unverkrampfter Liebes- und Sommerfilm geworden, der ganz nebenbei auch ein Europa der offenen Grenzen feiert.

Weingartner, 1970 geboren und somit nahe der Fünfzig, offeriert dem Publikum (s)eine schon irgendwie sentimental-nostalgische Vision eines Miteinanders, das inzwischen ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dabei liefert er – smart, wie er ist – keine banale Auflösung à la „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“, sondern behält die Ambivalenz des ganzen Films bei. Das muss man erst mal hinkriegen. Nicht allein dies ist bemerkenswert, man weiß nun auch: Eine einzige zärtliche Berührung killt tausende von Stresshormonen. Und eine wunderbare Szene von 303 hat das Zeug, in die Filmgeschichte einzugehen – sie zeigt den wohl längsten Versuch, sich nicht zu küssen.

303

Deutschland 2018, 145 Minuten

Regie: Hans Weingartner; Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker

Kinostart: 19.07.2018

Leipzig-Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Hans Weingartner am 5. Juli 2018, 20 Uhr, Passage-Kinos

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