D.H. Elle | Drucken29.04.2019 

Deutschland, du Alptraum!

Philipp Preuss gelingt am Schauspiel Leipzig eine furiose Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“

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Anna Keil mit Felix Axel Preißler (Fotos: Rolf Arnold)

Der dröhnende elektronische Soundteppich im Foyer scheint Herz- und Magengegend kurzzuschließen. Bevor man drin ist, ist man schon drin: Im Stück, im Kleist-Kosmos, im lustvoll inszeniertem Wahn von Hausregisseur Philipp Preuss. Der rote Vorhang öffnet und schließt sich. Ein Mann und eine Frau begegnen sich spielerisch in einem weißen Nirgendwo mit Liebeszeilen, inszenieren ihren gemeinsamen Selbstmord, während wir noch unseren Platz im Zuschauerraum suchen. Männchen mit Steinkopf à la Natascha Happelmann gesellen sich zu dem in Slow-Mo sterbenden Paar. Zwei Musiker in preußischer Uniform begleiten sie mit düsteren Sounds. Willkommen im Kleist-Feeling!

Philipp Preuss blickt schon hier weit über das Stück hinaus. Kleist, der 1811 „Prinz Friedrich von Homburg“ als sein letztes Drama verfasste und selbst nie eine Inszenierung seiner Werke erlebte, brachte sich vier Monate nach Vollendung des Stückes um. Und so ist davon auszugehen, dass er hier die Schlüsselerlebnisse seines Lebens thematisierte, die ihn in die Ausweglosigkeit trieben. Ein Genie, das sich an der preußischen Militärgesellschaft abarbeitet. An den rohen Anfängen des Deutschseins.

Es ist der Schlafwandler „Prinz Friedrich von Homburg“, den er für den Kurfürsten in den Krieg gegen Schweden ziehen lässt. Ein Träumer zwischen Soldaten, inmitten deutscher Zucht und Ordnung. In der entscheidenden Schlacht missachtet er einen Befehl, wodurch er dem Kurfürsten aber erst zum Sieg verhilft. Sein eigenständiges Denken führt zum Erfolg. Doch statt Ruhm und Ehre und die Hand der Tochter soll der Prinz wegen dieser Befehlsverweigerung hingerichtet werden. Preußisch sein, heißt funktional sein. Zu viel für das sensible Individuum. Zum Irrsinn der Innenwelt gesellt sich der Irrsinn der Außenwelt und zerreibt einen Menschen.

So kurz der Plot, so lang die Reflexionen und Verwirrungen. Und auch Philipp Preuss schickt uns in eine geniale Zeit- und Raumerfahrung. Nimmt er sich doch für die erste Traumszene eine gefühlte halbe Stunde, bevor die ersten Worte des Stückes fallen. Er schickt uns immer wieder in Zeitschleifen, die nur mit kleinen Variationen auskommen. Oder er entlässt uns in die Stille, den Blick nur auf einen langsam sich vortastenden Bären gerichtet. Ist er doch echt? Ein Handschuh wird plötzlich zehn Meter groß. Wir springen vom Todesgeschrei der Schlacht in hochfrequentes deutsches Liedgut. Was gerade noch blütenweiß war, ist plötzlich blutdurchtränkt. Und doch schon wieder blütenweiß. All das atmosphärisch so dicht, dass es fast zu einem realen Erlebnis wird. Ein Gesamtkunstwerk.

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Felix Axel Preißler - projeziert

Die Reduktion auf vier Schauspieler tut diesem Konzept sehr gut. Ihnen wird alles, aber auch alles abverlangt, wenn sie zwischen Todesekstase und trällerndem Gesang wechseln. Wenn sie in Endlosszenen die nicht ganz einfachen Kleistschen Satzkonstruktionen mehrfach wiederholen und so intensiv herunterplappern, dass wir im Zuschauerraum erstaunlicherweise immer noch alles begreifen. Dabei spielen sie sich natürlich noch an den Rand der Erschöpfung. Sie geben den Figuren eine große Portion Ironie, sodass man trotz aller Tragik ständig vor Lachen vom Sitz kippen will und Szenenapplaus geben möchte.

Mit Felix Axel Preißler als Prinz Friedrich von Homburg wandeln wir durch die karge Bühnenlandschaft von Ramallah Aubrecht, die mit Nebel, Rundhorizont und ein wenig Gaze auskommt. In der Videoprojektionen und entfernte Mikrofonstimmen eine nicht ganz reale Außenwelt markieren. Als „geniale Entfremdung“ könnte man bezeichnen, was Felix Axel Preißler da spielt. Wie er sich auf die Spielpartner einlässt und sich in Übertreibungen erschöpft: im Liebesspiel, im Kriegsspiel. Und so sitzt er immer noch blutüberströmt und schreiend auf der Bühne, während „die Gesellschaft“ schon wieder zum Gesangsabend am Klavier übergegangen ist. Ihm ist Markus Lerch im Kleistkostüm als Graf Hohenzollern zur Seite gestellt. Mit viel Komik spielt er diesen Freund, Berichterstatter, Reflexionsarm des Stückes, der uns intensiv fühlen – und dann auch noch denken – lässt. Anna Keil spielt nicht nur eine komisch naive Prinzessin Natalie. Sie beeindruckt auch als Kurfürstin, die singend den um Hilfe bittenden Prinzen begräbt. Und besonders seltsam erscheint sie als Feldkrankenschwester, die wie in einem endlosen Nazi-Schwarz-Weiß-Filmstill dem leblosen Prinzen Mut zuspricht und ihm dabei sein Genick bricht. So sind wir Deutschen eben. Der Kurfürst fordert bei all dem Sachlichkeit ein, mahnt und driftet am Ende in einen trägen Gangsterboss ab, den Andreas Keller wunderbar karikiert. Ein Chor aus schwarzen Gestalten begleitet sie alle wie ein schlechtes Gewissen durchs gesamte Stück.

Dieses Spektakel mit seiner leichten direkten Spielweise kommt ganz ohne zeitgenössische Zeichen aus. Die Kostüme von Eva Kaborath sind Anleihen an die damalige Zeit: Uniformen, das lange gespensterhafte Kleid der Prinzessin. Auch die Musiker auf der Vorbühne, Kornelius Heidebrecht und Philipp Rohmer, tragen Uniform. Sie prägen diesen Abend mit elektronischen Sounds, leichtem Klavierspiel und komischen Auftritten wesentlichen mit.

Eine junge unbedarfte Zuschauerin lässt während der Premiere allerlei Laute von sich. „Iiiiiiih!“ – „Aaaaah!“ – „Oh nein!“ – Und wird gleich darauf wieder von einem Lachen geschüttelt. Als hätte Preuss hier etwas inszeniert, das Kleist mit den Worten „unaussprechliche Heiterkeit“ betiteln würde. Der unaussprechlichen Heiterkeit, mit der Kleist in den Selbstmord ging. Und diese Dramatik wird uns etwas didaktisch zwar, aber toll gemacht, in Erinnerung gerufen, wenn sich Anna Keil in eine menschliche Marionette verwandelt. Wer will schon funktionieren? Und das auch noch in Deutschland?

Prinz Friedrich von Homburg

Von Heinrich von Kleist

Regie: Philipp Preuss

Premiere am 27. April 2019, Schauspiel Leipzig, Große Bühne

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