| Drucken14.05.2004 

Luigi Nono: „Unter der großen Sonne mit Liebe beladen” (Steffen Kühn)

Luigi Nono: "Unter der großen Sonne mit Liebe beladen"
Szenische Aktion in zwei Teilen - Text von Luigi Nono
13. 5. 2004 Staatsoper Hannover

Musikalische LeitungJohannes Harneit
RegiePeter Konwitschny
Bühne und KostümeHelmut Brade
DramaturgieAlbrecht Puhlmann
LichtSusanne Reinhardt
TonMartin Urrigshardt
Großer ChorClemens Heil
Kleiner ChorStefan Schreiber


Wer schon mal im Glashaus saß, wird nicht mit Steinen werfen

Nun also Luigi Nonos Versuch eine Art Bilanz der Arbeiterbewegung zu ziehen. Selbst Kommunist verarbeitet er in dem 1975 uraufgeführten Werk das Scheitern und die Verirrungen der kommunistischen Bewegung mit Beginn der Pariser Kommunarden. Intension ist dabei nicht Erklärung und Rechtfertigung, Steine werden nicht geworfen. Nonos Blick ist nach innen gerichtet, er stellt einen Zusammenhang mit dem in seinen Augen ureigensten Streben nach Menschlichkeit und Liebe, im künstlerischen Sinne für ihn Schönheit, her.

Peter Konwitschny lässt sich den Ball offensichtlich nur allzu gern zuspielen und verfolgt dann die vorgezeichnete Richtung. Im ersten Teil ein Glashaus auf der Bühne. Zwei Mädchen tollen darin. Man vertreibt sich die Zeit mit den Lieblingsteddys und mit zwei Zitaten: "Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen", Che Guevara, 1953 und "Für dieses weite hilfsbereite Herz - trunken von Solidarität - ist die einzig atembare Luft die Menschenliebe", Louise Michel, 1871.

Das Libretto besteht ausschließlich aus Zitaten von Revolutionären, außerdem wird aus den Werken von Rimbaud, von dem auch der Titel stammt, Pavese, Marx, Brecht und anderen zitiert. Eine szenische Handlung hat Nono nicht vorgegeben. Der erste Teil ist Geschichtsunterricht: Die politischen Konflikte um die Pariser Kommunarden, um Kuba, um Bolivien, um die Sowjetunion entstehen im Spiegel ihrer Protagonistinnen: Louise Michel, Tanja Bunke, Brechts "Mutter", Paveses "Deola". Das Scheitern als poetische Dimension, die Erinnerung gegen das Vergessen - starke Momente wie in einem Requiem: "Kommen wir vergeblich zum Leben, zum Blühen auf die Erde? Vielleicht vergeblich?", Tanja Bunke, 1967. Wer da nicht an Brahms "Denn alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen." In seinem Requiem denkt. Der zweite Teil dann dramatischer: Die Unterdrückung revolutionärer Ideen als physische Erfahrung im Angesicht von Angst und Tod.

Peter Konwitschny und sein langjähriger Partner Helmut Brade haben zu Nonos szenischer Aktion szenische Handlungen erfunden. Die Zitate werden in konkrete Bilder übersetzt. Dramaturgisch geht das richtig gut - wie das Glashaus, im Zusammenwirken mit der assoziativen Musik besteht der Ansatz, dass die tradierten Bilder den von Nono konzipierten offenen Dialog mit den Zuschauern unterbrechen, wie etwa der fiktive Kaffeeklatsch der Louise Michel mit Tanja Bunke im Totenreich. Aber das ist ja wohl nur die andere Seite der wirklich bewundernswert frischen Haltung des Regisseurs sich bei der Beschäftigung mit politisch engagierter Musik nicht in Beliebigkeiten zu flüchten. Das Ensemble ist Konwitschny leidenschaftlich gefolgt. Großer und kleiner Chor in dynamische Massenszenen oder in konzentrierter Betrachtung der agierenden Solisten, mit Verve werden intelligente Spielideen individuell weitergedacht, wenn etwa Lenin dirigierend eine Geschichtslektion erteilt, der Chor dabei spannungsgeladen lauscht.

Die Rollen sind mehrfach besetzt, musikalisch dominieren die vier Soprane in den Hauptrollen. Die Struktur setzt auf Gegensätze: die menschliche Stimmen gegen mechanisches Stampfen des Orchesters, unbegeleitete Soli gegen grummelnde Tonbandeinspielungen, exzessiver Schlagzeugeinsatz gegen lyrische Stimmen. Zusammengehalten wird das Stück durch vier Reflektionen im ersten und viermal "Aufmarsch der Repressionsmaschine" im zweiten Teil. Im jeweils puren Orchesterklang öffnet sich Raum für reines "Zuhören".

Die inhaltliche Konzentration auf Frauen, musikalisch in den Sopranen, tritt in der Aufführung in Hannover hinter den ethischen Ansatz Nonos zurück, indem szenisch Strukturen nicht Personen unterstützt werden. Im Mittelpunkt steht der Kosmos des Menschseins und das unmissverständliche Werben um Achtung für geschichtliche Leistungen und Irrungen.

(Steffen Kühn)

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