Doreen Kunze | Drucken08.12.2011 

Fall aus der Zeit

Das Figurentheater Wilde & Vogel entführt mit „Krabat“ in die märchenhafte Welt der Erzählung

Fotos: Therese Stuber

Es ist Winter und es herrscht Krieg. Seit vielen Jahren schon zieht er über das Land und hinterlässt nichts als Hunger, Krankheit und Tod. Hier beginnt die Geschichte eines Jungen, der vielen nicht unbekannt sein dürfte: Krabat, Kriegswaise und bald Müllerbursche in der Schwarzen Mühle. Seine Geschichte, die auf einer alten sorbischen Sage beruht, hat sich das Figurentheater Wilde & Vogel in Zusammenarbeit mit der polnischen Gruppe Grupa Coincidentia und dem Figurenspieler Florian Feisel angenommen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in die Zeit des 30 jährigen Krieges, und hauchen der Figur Leben ein. Seit September 2010 steht das Stück Krabat nun schon auf dem Spielplan und begeistert mit zahlreichen Auftritten überall in Deutschland. Auch in Japan waren die Figurenspieler schon zu Gast.

Am Bühnenrand ist ein Knochenhaufen zu sehen, staubig und weiß. Inmitten dieses Symbols des Krieges brechen die vier Darsteller zusammen und scheinen die Masse der Toten aller Jahre zu verkörpern. Schließlich erhebt sich eine Person, eine Überlebende, begleitet von leidvollen Klängen (Livemusik Charlotte Wilde). Ein markerschütternder Schrei entfährt ihr, klingt schmerzvoll und bitter. Dort, zwischen den Leichen und menschlichen Überresten, beginnt Krabats Geschichte. Die Geschehnisse sind schnell erzählt, die Geschichte ist auf ihr wesentliches konzentriert und behält doch den Charme der alten Sage bei. Gewohnt wortkarg gehen die Spieler dabei vor, schaffen lieber durch kleine Effekte große Wirkungen. So wird das eigentlich kleine Mühlenrad, sich stetig drehend vor einen Scheinwerfer montiert, zum raumhohen Schatten, der den Zuschauer sofort wissen lässt, wo er sich befindet: im Koselbruch. In der Schwarzen Mühle. Unter dem Joch des schwarzen Meisters lernt Krabat gemeinsam mit elf weiteren Gesellen dort nicht nur das Müllerhandwerk, auch dunkle Künste stehen auf dem Lehrplan. Das Verwandeln in einen schwarzen Raben gehört dort zu den leichtesten Übungen: mit einer schnellen Handbewegung verschwinden die Figuren, welche Krabat und die Gesellen darstellen. An ihrer statt stehen plötzlich Raben. Wie von Geisterhand scheint sich auch Krabat zu bewegen, wenn der Meister ihn bedrohlich umkreist. Ein einfacher Nylonfaden, von Spieler zu Spieler weitergereicht, macht die Illusion perfekt.

Die Darsteller bei Krabat sind jedoch nicht nur Erzähler und ausführende Figurenspieler, sie übernehmen auch immer wieder einzelne Rollen, und machen das Spiel lebendig. So ritzt einer der Spieler einem anderen das Wort Idiot mit einem Theatermesser in die Stirn, dass ihm Blut ins Gesicht rinnt. Die ganze Zeit über scheint ein Nebel in der Luft zu liegen, der sich einfach nicht legen will. Man fühlt sich aus der Zeit gerissen und es fällt nicht schwer, sich auf die Erzählung einzulassen. Mit Krabats Betreten der Schwarzen Mühle, scheint die Figur aus der Zeit zu fallen. Wo eben noch Verwüstung und Krieg herrschte, ist davon plötzlich nichts mehr zu sehen. Die Leiden wurden durch die Knechtschaft des Meisters ausgetauscht, der Krieg scheint an der Mühle vorbeizuziehen, ohne sie zu betreffen.

Mit viel Liebe zum Detail sind die Figuren gestaltet und nehmen den Zuschauer mit auf eine fantastische, wenngleich düstere Reise. Erzählt wird nicht nur von der harten Arbeit auf der Mühle und den Lehrstunden der schwarzen Magie. Auch die Kraft der (ersten) Liebe wird zum Thema gemacht, nämlich dann, wenn Krabat sich in die Stimme der Kantorka verliebt. Diese ist in der Osternacht traditionell auf dem Weg zur Quelle, um Wasser zu holen. Von der Decke herab läuft dabei ein stetiger Rinnsal Wasser, ergießt sich in eine Metallschale und erzeugt ein lautes Plätschern. Dahinter steht eine Figur, welche die Kantorka verkörpert. Wenngleich sie sich nicht bewegt, wirkt die Szenerie durch die Gesänge ungemein lebendig. Krabat beobachtet alles aus der Ferne, als Zauberlehrling kann er aus seinem Körper fahren und zu dem Mädchen reisen, ohne sichtbar zu werden. Diese Außerkörperlichkeit wird durch eine einfache, durchsichtige Plastiktüte dargestellt. Langsam schwebt sie durch die Lüfte und es ist beeindruckend, was einer Tüte für ein Zauber innewohnen kann. Sie soll auch im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen, sich wie durch Magie vergrößern und die Kantorka märchenhaft einhüllen.

In einer liebevollen Installation haben die Figurentheaterspieler es geschafft, den Kampf zwischen Gut und Böse zu zeigen. Die Geschichte von Krabat, von der Kraft der Liebe und der Freundschaft. Dem, der die Erzählung nicht kennt, erschließt sich die Handlung nicht immer, und doch tut dies dem Stück keinen Abbruch. Allein durch die Kraft der Bilder der einzelnen Szenen schaffen es die Darsteller, den Zuschauer zu fesseln, ihn zu entführen. Plötzlich befindet er sich in den dunklen Gemäuern der Mühle, ist dabei, wenn die Kantorka den Meister durch ihre Liebe zu Krabat besiegt und die Gesellen befreit. Und man spürt: Das Stück selbst ist nicht weniger als eine Liebeserklärung an das Geschichtenerzählen.

Krabat

R: Christiane Zanger

Mit: Pawel Chomczyk, Florian Feisel, Dagmara Sowa, Michael Vogel

Gesehen am 1.Dezember 2011

Figurentheater Wilde & Vogel (Leipzig, Stuttgart) und Grupa Coincidentia (Białystok)

Koproduktion mit dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart und dem Lindenfels Westflügel Leipzig, mit Unterstützung der Brotfabrik Bonn

Premierenbesprechung von Charlotte Ehrt: „Neun ist eins, und zehn ist keins“

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