Simon Kaller | Drucken11.11.2019 

Why don’t I fit in? And do I really have to?

Christiana Morganti setzt sich in einem sehr persönlichen Abend mit der Suche nach der eigenen künstlerischen Stimme auseinander: “Jessica and me”. Und bewegt unseren Autor.

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Christiana Morganti setzt das Künstlerinnen-Ich in Flammen, um aus der Asche die eigene Identität zu bergen (Foto: Virginie Kahn, Paris)

Ich nehme Freitagabend im großen Saal des Schauspiel Leipzig in einer der ersten Reihen Platz. Ich sehe eine Frau in den Fünfzigern, schön, italienische Kühnheit, sensible Gesichtszüge. Sie möchte mir etwas mitteilen. Neugierig folge ich ihrer Geschichte.

Die Tänzerin bewegt sich sanft über den dunklen Bühnenboden, bis das Licht sie ertappt. Schief, steif, ungelenk konfrontiert sie uns mit ihrem vorgealterten Körper, den Jahrzehnte professionellen Tanzes zeichnen. Christiana Morganti lässt dabei die Essenz ihres künstlerischen Schaffens und die tänzerische Identität mit “Jessica”, einer fiktiven Figur, die die junge Christiana schon im Kindesalter im Spiel heraufbeschwor, in den Dialog treten.

Plötzlich ertönt britischer Pop-Rock in einer Mischung aus Billie Elliot – I Will Dance und einer Verfolgungsjagd aus Trainspotting und die Künstlerin verfällt in einen wilden, temperamentvollen freien Lauf gegen sich selbst und die Zeit. Reflexionen über ihr Leben und die Entbehrungen in der Arbeit mit Pina Bausch münden in ein schmerzliches Heimweh nach Italien. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Trauer und dem Wahren eines professionellen Scheins, das schließlich in einer überdrehten Emanzipation kulminiert. Keine Infragestellung ihres künstlerischen Ichs mehr!

Learning to smoke (fly) - Christiana Morganti swingt elegant und lasziv über den Bühnenboden, streift die übergroßen High-Heels des Tanzgeschäfts, Pinas und jene ihrer Mutter ab, strauchelt, fällt, steht auf, gewinnt an Sicherheit und findet sich selbst im Spiegel – mit eigener Zigarette, eigener Hose, eigener Wohnung, eigener Stimme, eigener Identität. Sie bricht mit körperlichen Idealen und Erwartungen vergangener Tage und steuert selbstbewusst und mutig auf die Verwirklichung ihrer ganz persönlichen Ästhetik zu. Zigarettenasche entfacht ein zerstörerisches Feuer und das lähmende Korsett eigener und fremder Erwartungen zerfällt zu Staub.

Als der lange Applaus verklungen ist, halte ich noch einige Momente inne. Ich bin berührt von Christiana Morgantis Ehrlichkeit, ihrer Ruhe und Selbstsicherheit im Umgang mit der Aufarbeitung aufreibender Themen aus ihrer Kindheit, ihrem Leben als professionelle Tänzerin und ihren künstlerischen Emanzipationsprozessen. Mutig und vielschichtig zeigt sie ihren Weg: Von der Überwindung etablierter Grenzen bis hin zu ihrer eigenen ästhetischen Stimme.

Jessica & Me

Tanztheatersolo - Konzeption und Choreografie Cristiana Morganti

In deutscher Sprache (wenige Texte in englischer Sprache / deutsche Übersetzung im Abendprogramm)

8.11.2019 Schauspiel, Große Bühne


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