Franziska Hilde Frank | Drucken16.04.2011 

Ein Kunstkonglomerat

Das Theater der Jungen Welt inszeniert gemeinsam mit dem Tanztheater Leipzig und der Kammerphilharmonie Leipzig „Die wilden Schwäne“

Mehr Tanzproduktion mit Livemusik als „reines“ Theater (Foto: TdJW)

Eine kahle Bühne mit zwei großen Spiegeln. Musiker, die wie Statisten auf Podesten an ihre Plätze gerollt werden. Zehn in weiß gehüllte Tänzerinnen. Ein paar Schauspieler. Ein Erzähler. Ganz schön viele Menschen!

In einer Bearbeitung von Thomas Brasch hatte am Samstag Hans Christian Andersens Märchen Die wilden Schwäne im Theater der Jungen Welt Premiere. Paula Fünfeck setzte die größte Premiere dieser Spielzeit in Szene, in der das TdJW, das Leipziger Tanztheater und die Kammerphilharmonie Leipzig zusammenkamen und ein Kunstkonglomerat bewerkstelligten, das einen zart ergriff, weich aufschüttelte und etwas gegen den Strich hinterließ.

Elisa (Elisabeth Fues) ist eine Prinzessin. Sie interessiert sich nur für Materialitäten und ihren Vater (Reinhart Reimann), bis der eine neue Frau (schön fies: Anna-Lena Zühlke) anschleppt und sich von ihr abwendet. Die neue Frau entpuppt sich als hinterhältig, verwandelt Elisas elf Brüder in Schwäne und fordert ihr Stummheit bis elf Hemden aus Brennnessel genäht sind. Erst dann darf Elisa wieder sprechen, ihre Brüder wieder in die Arme schließen und ihrer Einsamkeit auf Wiedersehen sagen. Bis dahin scheint der Weg weit, stark verkürzt wird er aber im Schnelldurchlauf erzählt. So haben die Brüder am Ende so schnell neue Flügel, das man gar nicht mitbekommen hat, wieso eigentlich.

Bettina Werner versucht, genau in diese Lücke zu springen und mit ihrer Choreografie und ihren Tänzerinnen diese Leerstelle zu füllen und vervollständigt damit die Geschichte: Denn die zehn Tänzerinnen der Juniorcompany des LTT tanzen Metaphern. Die Choreografin lässt sie als Schwäne trauern und fliegen. Von ganz nach unten bis nach ganz hoch oben. Ausstrahlung und Ausdruck vereinen sich mit Körperspannung und Schauspieltalent. Teilweise chorisch verbinden sie Bewegung und Sprache und sind dabei immer sehr präsent. In ihren weißen Anzügen kontrastieren sie die teilweise abstrus lustigen Kostüme der Schauspieler. Dabei bleiben sie stets Schwäne, während außer Elisabeth Fues alle anderen Schauspieler mehrere Rollen besetzen. Starke Akzente setzen Musik (musikalische Leitung: Michael Köhler), Licht (Matthias Heyer/Samuel Pilling) und Tanz auf Emotionen. Sie machen Traurigkeit und Freude in der Farbkomposition sicht- und spürbar.

Es entstand mehr eine Tanzproduktion mit Livemusik als „reines“ Theater. Witzige Dialoge verbinden sich mit Trash und Slapstick, etwa wenn zwei als Schaben (Ausstattung: Christin Berg) in Strumpfmasken auftreten oder der König auf einem aufblasbaren orangenen Strandsessel, ähm Thron, Elisa übers Haar streicht. Den meisten Applaus am Abend heimst aber der etwa 10-jährige Erzähler (Carl Julius Reim) ein, der mit Lolli im Mund in höchst lässiger Weise durch die Szenen führt und gegen Ende auch noch eine Monteverdi-Arie schmettert.

Bei dieser Produktion sollte unbedingt Interesse an Tanz und Emotionen mitgebracht werden. Wer dicht gewebte Textarbeit erwartet, wird enttäuscht werden. Tanz und Sprechtheater versuchen zwar, eine Geschichte zusammen zu erzählen, die Verbindung bleibt dennoch etwas künstlich.

Die wilden Schwäne

von Thomas Brasch nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen

Theater der Jungen Welt, in Kooperation mit dem Leipziger Tanztheater und in Zusammenarbeit mit der Kammerphilharmonie Leipzig

Regie: Paula Fünfeck
Musikalische Leitung: Michael Köhler
Choreografie: Bettina Werner
Mit: Elisabeth Fues, Moritz Gabriel, Silas Hamann/ Carl Julius Reim, Reinhart Reimann, Anke Stoppa, Anna-Lena Zühlke

Premiere: 9. April 2011, Theater der Jungen Welt

Weitere Aufführungen: 5. Juni um 17 Uhr, 6. und 7. Juni um 10 Uhr

Theater der Jungen Welt

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